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zur Ausübung seiner Gerichtsbarkeit auch in diesem Gebiete mancher advocati und auch eines Stiftsvogtes bedurfte, liegt auf der Hand, ganz abgesehen davon, daß die Urkunden dies vielfach beweisen.
So kam bei der Auflösung der Gauverfassung die hohe Vogtei über die Lor-— scher Muntleute bald an die Pfalzgrafen bei Rhein. Als erster Rheinpfalzgraf tritt uns hier Godefrid unter Heinrich V. entgegen. Er stammt aus dem Geschlechte der Grafen von Kalw im Murrgau und war der angesehenste Ratgeber Feinrichs V., von dem er 1113 die Würde eines lothringischen bezw. rheinischen Pfalzgrafen er- hielt; er starb 1130. Dieser wußte sich von dem simonistisch gewählten und durch eine Verschwörung vertriebenen Abt Benno(1107— 1110) als Lohn für seine Unter- stützung bei dessen Zurückführung sieben Fürsten d. h. Vollehen des Klosters zu verschaffen, die nach seinem Tode an seinen Schwiegersohn, den Herzog Welf, mit Zustimmung des Abtes Diemo, Bennos Nachfolger übergingenzs). Nach ihm waltete der Rheinpfalzgraf Hermann?) seines Amtes als Lorscher Stiftsvogt und dann Kon— rad von Schwabenso), ein Halbbruder Kaiser Friedrichs I. Dieser Konrad ist seit 1147, dem Tode seines Vaters Friedrich, Herzog von Schwaben und Inhaber der rhein- fränkischen Familiengüter der Staufen. Ihm folgt als Rheinpfalzgraf und Stiftsvogt von Lorsch der Welfe Heinrich der Lange, Herzog von Sachsen-Braunschweig, Sohn Heinrichs des Löwen, vermählt mit Agnes von Hohenstaufen, der Tochter des bis- herigen Pfalzgrafen Konrad¹). Er vererbt die Rheinpfalz und damit die pfalzgräf- liche Schutzvogtei über den Lorscher Besitz im Lobdengau auf seinen Sohn Hein- rich den Jüngeren*), der indes nur kurze Zeit, bis 1214 seines Amtes waltete. Denn als Friedrich II. zur Kaiserwürde gelangte, nahm er dem mit Otto IV. verbündeten Welfen die Rheinpfalz und übertrug sie 1214 an Ludwig I. aus dem gut hohenstaufisch gesinnten Hause der Wittelsbacherss), bei dem sie gegen sechs Jahrhunderte verblieb.
Diese Rheinpfalzgrafen übten also die hohe Vogtei über die Lorscher Be- sitzungen im Lobdengau aus. Die allgemeine Dingstätte, mallus principalis, für Blut und Eigentumssachen im Lobdengau war der Stalbühels?¹) zwischen Ladenburg, Schriesheim, Heddersheim und Leutershausen. Daß diese Dingstätte auch für die Muntleute des Klosters Lorsch im Lobdengau zuständig war, zeigt eine Urkunde des Fürstabtes Ulrich vom Jahre 1071(C. L. Nr. 131). Denn hierin eximiert dieser Abt die Lorscher curia in Lützelsachsen mit ihrer familia und ganzem Zubehör von den alljährlich stattfindenden 3 ungebotenen Dings bei der curtis Leutershausen und unter- stellt sie der Jurisdiktion des Propstes von Altenmünster. Der Wortlaut der betr. Stelle ist: ut familiam eiusdem curiae ab omni gravetudine et molestia immunem redderemus, a tribus principalibus mallis, qui vulgo„Ungebodending“ vocantur, quibus ad curtim Liutershusen annuatim manniebantur(mannitio-mannire, ur-
28) C. L. Nr. 133 und S. 231 und W. Schultze, die fränkischen Gaugrafschaften in Rheinbayern, Rheinhessen, Starkenburg und Württemberg 1897 S. 342 f. ²⁰²) C. L. Nr. 150 anno 1147. ³⁰) C. L. 254 ff., Nr. 159; Christ, Mannh. Geschichtsblätter 1904,5 Nr. 13, 20, 22. ³²¹) Christ ebenda, 1197— Nr. 27 und 28, 1208— Nr. 42, 1211— Nr. 44. ³²) Christ ebenda 1213— Nr. 46. ³³) Ebenda 1214 Nr. 48. ³⁴⁸) Nach Christ l. c. Urkunde 72 von den Stallen= Stühlen der Schöffen genannt, also Ge- richtsstellenhügel. Vielleicht ist so auch Stallenkandel mit dem Schimmelberg(Schinderberg?) bei Waldmichelbach als eine Zent oder Gerichtsstätte aufzufassen.


