Aufsatz 
Das salisch-fränkische Siedelungssystem u. die Heppenheimer Markbeschreibung vom Jahre 773 : ein Beitrag zur geschichtlichen Heimatkunde / von Friedrich Kieser
Entstehung
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einer Haupt-, Tauf- oder Pfarrkirche, aber die Kirchen und Kapellen, die an andern Orten allenfalls vorhanden waren und von presbyteri(Priestern) ständig oder zeit- weise pastoriert wurden, waren Privat- oder Eigenkirchen, keine Pfarrkirchen. Solche wurden erst von dem Kloster Lorsch eingerichtet, das nicht nur die Pfarrbezirke nach Bedürfnis ausschied und die Pfarrer bestellte, sondern auch an andern Orten Kirchen und Kapellen übernahm oder baute und mit Geistlichen versah.

Die erste urkundlich beglaubigte Abgrenzung eines Pfarrsprengels haben wir für Heppenheim selbst. In einer interessanten Steinurkunde, die sich jetzt in der neuen Pfarrkirche befindet, wird die Grenze dieses Pfarrbezirkes ausführlich be- schrieben. Die kirchliche terminatio ist im Jahre 805 von Karl d. Gr. selbst ver- anlasst und enthält all die Orte, welche nach Heppenheim eingepfarrt waren. Die Grenze ¹) des Pfarrsprengels beginnt bei einem Gadero(ahd. kataro, mhd. gater) d. h. einem Gatter an der Weschnitz ²), zieht durch einen Ruodesloch(Lohe d. h. Wald des Ruthart) an einem Anzenhasal(Haselbusch des Anzo) und einer Hagenbuocha(Waldbuche d. h. Lackbaum) vorbei über den Hemingisberg (Hemsberg) nach Ciliwardes dorsul, einer Torsäule an dem Hofe des Cileward ³). Von hier geht sie nach dem Kecelberg(Kesselberg, heute Heiligenberg, oberhalb Oberhambach) an einem Rorensolun(Röhrichtsumpf) vorbei zu einer Ahurnenecga (Ahornecke), an die noch heute am Südwestabhange der Seidenbucher Höhe(Kreh- berg) eine scharf in das oberste Lörzbachertal vorspringende Anhöhe mit dem Namen Auf der Eck erinnern mag, und zieht dann in dem Tale abwärts über Sihenbach (Seidenbach) und Razenhagan(Umhegung des Razo) nach parvum Ludenwisco (Klein-Laudenweschnitz) und Mitdelecdrun⁴)(Mitlechtern). Hier verlässt sie das Lörzbacher Tal und zieht unter Benutzung eines Seitentales über eine Anhöhe, auf welcher der Richmannenstenn(Richmannstein) gestanden haben mag, nach Albensbach(Albersbach) hinüber. Von Albersbach wendet sie sich westwürts den Talweg des Baches hinauf bis zu seiner Quelle und geht über eine Anhöhe, deren Name Frauenhecke(Frauenwald) noch das Fronerut(von fro, der Herr, und rod, also Herrenrodung) der Urkunde widerspiegelt, zu dem Quellgebiet des Sonderbaches und dann auf die Juhöhe hinauf. Von da ist die Grenze wieder ein Höhenweg, der auf der Wasserscheide an einem Stennenros(Steinrossels), d. h. auf einander getürmten Felsen) vorbeiführt und senkt sich dann auf der heutigen Grenze von Hessen und Baden nach Scelmenedal, d. h. in das Schelmental, das in der Nähe von Nieder-

¹) v. Schenk, Archiv für hess. Geschichte XIV 739 ff.; Waller, ebenda N. F. I 469 ff. ²) v. Schenk identifiziert es mit derGaderhecke, einem Grenzpunkt an der Nordostecke des Kirchspiels zwischen Lorsch und Grosshausen, wo die Weschnitz nach Westen umbiegt; Waller wohl richtiger mit einer Um- friedigung des Lorscher Klostergutes, also etwas weiter südlich. ³) Cile-ward und Celle(Zell) sind gleichen Namens, also lag der Hof wohl an der Südgrenze der jetzigen Zeller Gemarkung, die ursprünglich zu Bensheim gehörte(vergl.§ 2). Die Cilewards sind reich begütert und werden als Schenker an das Kloster Lorsch genannt: Cod. Laur. I Nr. 235(a. 767) und Nr. 416(a. 832).

) Die Form ist nach der Auffassung von Prof. Henkelmann, der ich völlig zustimme, ein dat. plur. truno von tra, Baum, in der Zusammensetzung mit lac, und bedeutet eine 2nsie elnne mitten an (in) den Lackbäumen, also einen Grenzort.

5) An diesem Höhenweg liegen noch jetzt zwei Flurnamen Im Steinigs und Im unteren Steinigs, in denen der Name fortleben mag, der auch sonst noch vorkommt.