Aufsatz 
Das salisch-fränkische Siedelungssystem u. die Heppenheimer Markbeschreibung vom Jahre 773 : ein Beitrag zur geschichtlichen Heimatkunde / von Friedrich Kieser
Entstehung
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Besonders auffällig sind die vielen Beifänge(bifangus, proprisus oder haftunga). Sie liegen an der Lauter, hauptsächlich aber an der Schwarzaha, d. h. der aus dem Zeller Tal kommenden Schwarzbach(Meerbach) und der Weschnitz gegen die Heppenheimer Markgrenze(terminus) zu Diese Beifänge sind also noch nicht lange angelegt, ohne Zweifel aus Gemeindeeigen abgesetzt und stehen in ausdrücklichem Gegensatz zu dem übrigen Eigentum an Gxundl und Boden. Daneben kommen oft auch kleinere Schenkungen vor: ein oder mehrere Tagewerke(jurnales), Wiesen, klein und gross(pratum und pratellum), die so und so viel carradae feni(Fuhren oder Fuder Heu) liefern, einmal wird sogar ganz im modernen Sinne ein pratum emelioratum genannt, Weinberge(vineae), darunter auch solche, die eben erst neu angelegt sind, plantaria(Baumschulen), terra novaria ad vineam faciendam(Neurott- land). Das Einheitsmass, das überall zu Grunde liegt und öfters genannt wird, ist die pertica(Rute) und der mansus oder die huba umfasst durchschnittlich 30 Morgen. ¹) Endlich erscheinen neben Vieh(gross und klein) und beweglicher Habe(mobilia) nicht selten auch mancipia(Leibeigene) beiderlei Geschlechts, die nebst ihren Kindern dem Kloster als Eigentum vermacht werden.

Aus alledem ist unschwer ein weit fortgeschrittener Wirtschaftszustand mit Acker-, Wiesen-, Garten-, Wein- und Obstbau zu erschliessen, wie das bei einem schon von den Römern in Kultur genommenen Lande(agri decumates) selbstverständlich ist. Vollhufen, Halbhufen und kleinere Parzellen, Zuschläge(Haftungen) und Rott- land erscheinen als Erbe, Mitgift oder Errungenschaft bei beiden Geschlechtern.

Uebrigens bietet die Bensheimer Mark ein typisches Beispiel dafür, wie aus grösseren Gemarkungen wieder kleinere entstanden. Sie reichte ursprünglich viel weiter das Weschnitztal entlang als heutzutage, da die Gebiete von Schwanheim, Fehlheim, Hausen(Gross- und Kleinhausen) ursprünglich dazu gehörten. So schenkte 767 eine Frau Gailrada: rem meam in Basinsheimer marca, in villa, quae dicitur Husun, quae sita est super fluvium Wiscotz.²) Also in dem fernen Westzipfel des Bensheimer Gebietes, zwischen den Gemarkungen Lorsch, Biblis(Bibiloz) und Rohr- heim nahmen auf Privat- oder Gemeindeeigentum einige Markgenossen eine Rodung vor, erbauten Häuser darauf und blieben längere Zeit in der Markgenossenschaft Bensheim, bis sie, unbekannt wann, wohl mit Zustimmung der letzteren eine selb- ständige Gemeinde mit eigenen Markrechten bildeten. Ebenso entstand in der marca Hurfeldens) d. h. Fehlheim eine villa Swainheim(Sweinheim und Swenheim) d. i. Schwanheim4) und Rod d. h. Rodaub.) Durch ein Inquisitionsverfahren wird 782 Schwanheim dem Kloster Lorsch zugesprochen, weil Karl d. Gr. Hurfelden ebenfalls dahin in elemosina geschenkt hatte. Dieses Verfahren fand in Gegenwart des Königs in einem placitum publicum statt unter Zuziehung von scabini(Schöffen) und testes, unter welchen der Graf Heimricus(Heinrich), ein Sohn der Williswinda, als Nachbar

¹)) Schenkungsbuch des Klosters Eberbach in einer Urkunde vom Jahre 1211: sed notandum, quod unus mansus per totum Rinegowe habet XXX jurnales; Dahl S. 127. ²) Cod. Laur. I Nr. 239. Der Name ist dat. plur.= ahd. husôm(on uam, an), mhd. husen und besagt: zu den Häusern.

³) Der Name bedeutet Pacht- oder Zinsfeld(ags. hyr Miete, hyrian pachten, engl. hire Miete, md. hure, heuern etc., also Königsland, das an zinspflichtige Bauern vergeben wurde. 1390 erscheint es dann als Feldun, woraus Felden, Fehlen und zuletzt Fehlheim wurde.) Cod. Laur. I Nr. 226 im Jahre 765.

) Ebenda Nr. 228 vom Jahre 782..