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kann also nur sein, das nötige Baumaterial zur Stelle zu schaffen, aus dem dann nach Ausscheidung alles Unwesentlichen zuletzt ein wohnlicher Bau sich aufrichten liesse, in dem der Schüler sich„heimisch“ fühlt.
Auch die folgenden Ausführungen sollen nur eine Materialsammlung sein, unfertige Bausteine, die noch sehr der bildenden Hand des Baumeisters bedürfen. Mögen die Bau- leute sie dermaleinst nicht gänzlich verwerfen! Daß der Verfasser sich gerade eine altehr- würdige Urkunde zur Bearbeitung ausersehen hat, wird der nicht tadeln, der weiß, welche Fülle von Anregung solche Denkmale für die Analyse des heimischen Wortschatzes, der heimischen Volkskunde und Kulturgeschichte darbieten.
Erster Abschnitt.
Die salisch-fränkische Proberung und Siedelung.
I. Kapitel.
Ihre Bedeutung für das Jerständnis der altgermanischen und frühmittelalterlichen Geschichte.
Die Entwicklungsgeschichte des fränkisch-karolingischen Staates hat schon oft das Interesse der Forscher in Anspruch genommen. Denn sie führt uns nicht nur die Zerstörung eines alten, sondern auch die Errichtung eines neuen Weltreiches auf den Trümmern des ersteren vor Augen und zeigt uns zum ersten Male die Zusammenfassung aller bisher zerstreuten germanischen Volksteile zu einem selbst zahlreiche romanische wie slavische Elemente machtvoll umschliessenden Ganzen. Dieses Schauspiel ist um so wunderbarer, als den hauptsächlichsten Anteil an der Zertrümmerung des imperium Romanorum und den alleinigen Ruhm der Errichtung des imperium Germanorum ein kleiner Volksstamm beanspruchen darf, der ursprünglich auf kaum hundert Quadratmeilen Landes im Rheindelta seßhaft war und kaum einige hunderttausend Mitglieder zählte.
Was verlieh nun dem Volksstamme der Salier jene schier ungeheure Kraftentfaltung in seinem welterobernden Siegeslaufe? An Kopfzahl und ungebrochener Volksenergie war ihm der Stamm der Sachsen zweifelsohne überlegen, an Kampffreudigkeit und römischer Waffenführung der der Alemannen mindestens ebenbürtig und doch war keiner von beiden ebensowenig wie die mächtigen Stämme der Goten, Burgunden, Baiern und Longobarden berufen ein Reich aufzurichten, das die Stürme der Völkerwanderung lange überdauerte. Auch der Umstand kann nicht als entscheidend angesehen werden, daß die salischen Franken im Gegensatze zu den ostgermanischen Stämmen bei ihrem Ein- bruche in das römische Reich die Verbindung mit ihrer germanischen Heimat nicht unterbrachen und so aus der stetigen Berührung mit dem mütterlichen Boden gleich dem Riesen Antäus immer wieder frische Kräfte zu frohem Wagemute schöpften; denn


