Aufsatz 
Das salisch-fränkische Siedelungssystem u. die Heppenheimer Markbeschreibung vom Jahre 773 : ein Beitrag zur geschichtlichen Heimatkunde / von Friedrich Kieser
Entstehung
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durch die Pflege der geistigen Interessen als Erziehung, Kunst, Wissenschaft, Religions- übung, Bildung und Gesittung).

Und diese unendlich reiche Welt, die alle Kräfte des Leibes und der Seele gleichermaßen in Anspruch nimmt, sollte die Schule brach liegen lassen?

Mit Recht wird daher die Forderung erhoben²), daß alle Unterrichtsfächer ohne Ausnahme aus dem frischen Born der heimatlichen Erfahrungswelt schöpfen müssen, weil dadurch der Unterricht gestützt und belebt, die Schüler zum Sehen und Beob- achten angeleitet und die beste Grundlage für eine gesunde, nicht phrasenhafte Vater- landsliebe geschaffen werde..

Indessen nicht das Was bereitet hier Schwierigkeiten, sondern das Wie. Daß von der unmittelbaren Anschauung im Reiche der Natur und Kultur bei gelegentlichen Spaziergüngen und pflichtmäßigen Lehrstunden der ausgiebigste Gebrauch gemacht werden muss, versteht sich von selbst. Zeichnen, Naturwissenschaften, Erdkunde und Geschichte erhalten hier die tiefgehendste Anregung, sie bringen nicht Langweile noch Plage und tragen frischen Erdgeruch und flutendes Sonnenlicht in die dumpfen Klassen- zimmer. Auch darüber herrscht kaum eine Meinungsverschiedenheit, daß es nicht dem Belieben des einzelnen Lehrers überlassen bleiben kann, ob und wieweit er die Heimat- kunde zum Sauerteige macht, der sein Fach zu einer schmackhaften Geistesnahrung gestaltet, sondern daß heimatkundliche Stoffsammlungen aus allen Fächern und für alle Fächer angelegt werden*). Aber diese sind meistens nur für die Lehrer bestimmt und verstecken sich zudem noch in Programmen und Lehrproben oder gar in allgemeinen Skizzen und ausgearbeiteten Lehrplänen hinter Schloss und Riegel einesunheimlichen Aktenschrankes ohne verbindliche Kraft für jeden Lehrer, während für den hungernden Schüler nur gelegentlich Brosamen von der Tafel diesergeheimnisvollen Weisheit ab- fallen. Und doch sollte gerade ihn diese Kostanheimeln, sollte gerade er hier heimisch werden, denn er fühlt einheimliches Verlangen, jaHeimweh nach ihr.

Daher ist meine wohlerwogene Meinung, dass diese Stoffsammlungen in erster Linie für den Schüler bestimmt, d. b. in einer dem Auffassungsvermögen der einzelnen Altersstufe angepaßten Form als Lesestoff dargeboten sein müssen. Dies kann aber nur dadurch wirksam erreicht werden, dass alle Lehrer einer Anstalt oder wenigstens doch die Vertreter der naturwissenschaftlichen und sprachlich-historischen Fächer sich zusammentun und in gemeinsamer Arbeit einHeimatbuch schaffen, welches den Schüler von seinem Eintritt in die Schule bis zu seinem Austritt ins Leben als treuer Mentor in allen wesentlichen Fragen der einzelnen Fächer begleitet. Bis dahin hat es freilich noch gute Wege und jedenfalls würde die heute so beliebte und markt- schreierische Schnellproduktion mehr Schaden als Nutzen stiften. Die nächste Aufgabe m. Meier, Das Wesen des Staates, Lehrproben 27. 119 ff. ²) Nach dem Vorgange des Alt- meisters Frick in Lehrproben 8,119 und 29,14 ff. z. B. Lübbert: Die Verwertung der Heimat im Unter- richt, Z. f. Gw. 1903, 8. 793 ff. und: Die Verwertung der Heimat im Geschichtsunterricht, wissensch. Beilage der lat. Hauptschule zu Halle a. S. 1900. Dsgl. Busch: Ueber die Pflege des Heimatsinns, Programmbeilage Friedenau 1901 u. a. ) Vergl. Lübbert a. a. O. Leitsatz 4 und die ansprechenden Versuche, die hierin schon gemacht sind, z. B. für Halle a. S. von Lübbert in dem obengenannten Programm, oder für Bensheim von Schmidt: die Verwendung der Heimatkunde im Geschichtsunterricht, Programmbeilage 1896, oder für Görlitz von Stutzer: Heimatkunde für das Gymnasium Augustum 1. und II, 1901/03.