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Heimatgefühl begleitet den Menschen als freundlicher Genius von der Wiege bis zur Bahre, von seinem Eintritt in das diesseitige Leben oder die irdische Heimat bis zu seinem Uebergange in das jenseitige Leben oder die himmlische Heimat, das Ziel und Ende seiner Wanderschaft.
Wenn ich den Wandrer frage:„Wo kommst Du her?“„Von Hause, von Hause“, spricht er und seufzet schwer. Wenn ich den Wandrer frage:„Wo gehst Du hin?“„Nach Hause, nach Hause“, spricht er mit frohem Sinn.
Die Wurzel des Heimatgefühls liegt in dem Triebleben des Kindes. Dieses Trieb- leben äussert sich in mannigfacher Weise als Nahrungs- und Wohnungs-, als Spiel- und Unterhaltungstrieb. Erstere sind nur verschiedene Formen des einen und unteilbaren Grundtriebes jedes lebenden Wesens, des selbstischen Erhaltungstriebes, der auch den Menschen als Einzelwesen beberrscht, leztere nur Ausdrucksformen des sozialen oder Gesellschaftstriebes, der ihn auf seinesgleichen hinweist. Beide Triebe zusammen be- dingen mit Naturnotwendigkeit die Entwicklung des Heimatgefühles im Menschen. Das Nahrungsbedürfnis und die Gewöhnung an seine Befriedigung schaffen in dem Kinde das erste Wohlbehagen, das erste Heimatgefühl in den Armen der Mutterliebe; die ver- traute Wohnung erweckt in ihm das Gefühl der Wonne, denn beide sind gleichen Na- mens; die Mitglieder der Familie sind seine ersten Genossen oder Gesellschafter, deren Liebe es magnetisch anzieht und den sympathischen Trieb der Gegenliebe erweckt; die kosenden Laute der Muttersprache öffnen sein Ohr und führen seine Seele aus dem Dämmerungszustande des Unbewußten dem Lichte der Erkenntniss entgegen. Von der Liebe geleitet tut also das Kind seinen ersten Schritt ins Leben und erschließt seine Sinne der nächsten Umgebung. Der Nahrungstrieb entfaltet dabei seine materiellen und der Geselligkeitstrieb seine geistigen Kräfte und beide wecken das Gefühl der Lust an dieser Umgebung, das Heimatgefühl in seiner einfachsten Form.
Doch bald tritt das Kind aus der Hausgenossenschaft in die Berührung mit der Dorf- oder Stadtgenossenschaft, der oluog(olala) wird zum vicus(villa). Und welch eine reiche Welt öffnet sich da seinen Blicken! Haus und Hof, Dorf, Stadt und Land, Berge und Täler, Felder, Wiesen und Wälder, Bäche, Flüsse, Teiche und Seen, Luft, Klima, Himmel und Gestirne, Gräser, Blumen, Sträucher und Bäume, Tiere der Luft, der Erde und des Wassers, Gespielen und Gespielinnen, Geschlechter, Lebensalter und Stände, Sprache, Sitten, Trachten und Gewohnheiten, Denken, Fühlen, Wollen und Begehren, Glauben, Hoffen und Lieben, materielles und geistiges Leben, sie alle nehmen seine Sinnes- und Seelenkräfte gefangen.
Und zuletzt erweitert sich dann die Heimatgemeinde zur politischen Gemeinde oder dem Staat und demgemäß das Heimatgefühl zur Vaterlandsliebe, die alle Glieder umfaßt, welche durch Gemeinsamkeit der Abstammung, Sprache und Kultur oder wenigstens der gesellschaftlichen Gliederung und staatlichen Organisation mit einander verbunden sind. Das Kind oder der Jüngling wird vertraut mit den Elementen der Staatsgewalt: der gesetzgebenden, richtenden und vollziehenden, mit den Formen der Verfassung: der demokratischen, aristokratischen, monarchischen, mit der Gliederung der Gesellschaft nach Besitz und Beruf, mit dem Zwecke der staatlichen Ordnung: dem Schutz nach aussen durch Völkerrecht, Verträge und Wehrkraft, dem Schutze nach innen durch das Recht der Person, des Eigentums, der Arbeit, des Verkehrs und


