Aufsatz 
Dr. Hugo Thiel
Entstehung
Einzelbild herunterladen

VI

Ein ſcheinbar winziger Zentralpunkt, den Thiel 25 Jahre leitete, iſt der Klub der Landwirte, in dem manch Großes ſeine Geburtsſtätte fand; und nun naht die neue Epoche, hervorgezaubert durch Max Eyth. Die führenden Männer ſind von Arnim-Criewen, Thiel, Wölbling, der frohbegeiſterte Kiepert und der Prophet Schultz⸗Lupitz. Frei⸗ gehalten von der Politik, ſetzt die gewaltige techniſche Arbeit der Deutſchen Landwirtſchafts⸗ Geſellſchaft ein.

Wer die prachtvoll naiv⸗genialen Erinnerungen Max Eyths geleſen hat, muß glauben, daß die Deutſche Landwirtſchafts-Geſellſchaft gleichſam auf Meland gezeugt und erwachſen ſei. Das iſt natürlich ein großer Irrtum. Die ſeit Liebigsd Lehre ſtets wachſende Bewegung techniſch⸗ wiſſenſchaftlich er Befruchtung und Entwicklung in der deutſchen Landwirtſchaft bedurfte nur des Rufers und Organiſators; ihm ſtellte ſich ſofort ein fertig vorgebildetes Oſſizierkorps zur Verfügung; und alsbald ſtand ſchlagfertig die Armee bereit.

So kommt das Jahr 1897 heran, das Thiel als Miniſterialdirektor an die Spitze der Domänenverwaltung ruft. Zum erſtenmal vielleicht ein Gelehrter und gleichzeitig praktiſcher Landwirt an der Spitze dieſes Dienſtzweiges.

Der Direktor der Domänenabteilung kann wohl als der erſte Landwirt Deutſchlands bezeichnet werden, denn ihm liegt es ob, höchſte Wirtſchaftlichkeit zu verbinden mit vor bildlicher techniſcher Förderung der Landwirtſchaft in Zuſammenarbeit mit dem Stolz der deutſchen Landwirtſchaft, unſeren Ober-Amtmännern und Amtsräten. Mit Sorge hat vielleicht mancher Geheimrat der Finanzverwaltung der Entwicklung zugeſchaut, die verführen konnte, die ſiskaliſch verwaltende Tätigkeit zu verbinden mit ſchöpferiſcher.

Eine 12jährige Arbeit hat gezeigt, was zu leiſten iſt unter einem Manne, der, wiſſen ſchaftlich auf der Höhe ſtehend, bemüht iſt, uns von reiner Domänenvermögensverwaltung überzuleiten in eine Domänenpolitik. Die Verehrer deutſchen Traubenblutes ſollen es dem frohgemut zechenden Miniſterialdirektor beſonders danken, daß er, mit feiner Zunge begabt, eine aktiveWeinbergsdomänenpolitik einſchlug.

Merkwürdig, dieſer Mann der Tat blieb wirklich ein Gelehrter, ſo ſehr ihm philiſtröſes Düntelhaf tes Profeſſorentum ein Greuel war. Er fing einſt an als Schriftleiter und Korrektor des Landwirtſchaftlichen Kongreſſes in Cleve und iſt noch heute Herausgeber und Schriſtleiter derLandwirtſchaftlichen Jat hrbücher und des in einer Auflage von 35000 emelanen erſcheinenden Mentzelſchen Landwirtſch aftlichen Hülfs- und Schreib-Kalenders. Der letztere von fundamentaler Bedeutung, denn in ihm ſind feſtgelegt und werden immer neu autoritativ proklamiert die Grundzahlen, mit denen jeder Landwirt rechnet und rechnen muß. Und die Jahrbücher, ſie halten den Herausgeber in feſter Verbindung mit allen in der Landwirtſchafts wiſſenſchaft produktiv arbeitenden bedeutenden Männern, von denen zahlloſe Anregungen ansgehen⸗ und denen noch ſtärkere Impulſe zu neuer edankenriehtung zurückgegeben werdeße

Das iſt nur ein Verſuch, von der umfaſſenden Arbeit dieſes einzigen Mannes ein Bild zu geben; leuchtende Farben und warmen Ton ſtrahlt es erſt dann zurück, wenn man ver⸗ ſucht, auch die über das Fachmäßige hinausgehende Betätigung zu erfaſſen.

Ein geſunder, allen Strapazen gewachſener Körper iſt für Thiel die Unterlage ſeiner Erfolge geweſfen. Selbſt ein Leben führend vielfach gefeſſelt an den Schreibtiſch und mit zierlicher Handſchriſt Stöße von Atten, Plänen, Entwürfen und Verträgen füllend, ſie durch⸗ dringend mit formell treffſicherer juriſtiſcher Auffaſſung, ohne ſich doch an ſolche zu binden, wendet er der körperlichen Entwickelung der Jugend ſtärkſtes Intereſſe zu. Das Turnen, noch nicht abgelöſt vom beherrſchenden Sport, iſt ihm ein weſentliches Erziehungsmittel. Aus den Turnvereinen, denen er in der Jugend angehörte, gen winnt er die Beziehungen zum Handwerk, und der Berliner Handwerkerverein ſieht ühn, zuſammen mit Friedrich Gold⸗ ſchmidt, als einen ſeiner Hauptförderer an. Die Tagungen des Vereins für Sozialpolitik führen ihn mit Männern wie Schmoller und Sering zuſammen. Die Vereinigung für ſtaatswiſſenſchaftliche Fortbildung dankt ſeiner Mitarbeit weſentlirh 5 Erfolge.

Außerdem ſteht Thiel an maßgebender Stelle im Zentral-Verein für das Wohl der arbeitenden Klaſſen, in der Zentralſtelle für Volkswohlfahrt, hauptſächlich aber im Deutſchen Verein für ländliche Wohlfahrts- und Heimatspflege. In letzterem iſt er Vorſitzender des Vorſtandes, er war ſein Hauptbegründer; er iſt mit Prof. Sohnrey die eigentliche Seele des