Aufsatz 
Dr. Hugo Thiel
Entstehung
Einzelbild herunterladen

VII

Vereins. Es wird kaum jemand geben, der ſo geſchaffen wäre für höhere Kultur und Ge ſittung, für Genoſſenſchaftsweſen und alle ſozialen Aufgaben auf dem platten Lande wie er. Ihm liegt innere Koloniſation und Allmendeerhaltung, Dorfhandwerk und Pflege der länd⸗ lichen Geſelligkeit, Verbeſſerung und Verſchönerung des Bauern- und ländlichen Arbeiter hauſes am Herzen. Richtig hat er es erfaßt, daß man die Kulturgüter der Stadt auch dem Landbewohner zuführen und ſo die Landflucht zum beſten der Geſundheit des ganzen Volkes einſchränken kann und ſoll. Endlich iſt er in den 70ev Jahren eine Zeitlang Mitglied des Abgeordnetenhauſes und des Reichstags geweſen, wo er auf dem rechten Flügel der natio nalliberalen Partei ſaß.

Dem Freund aber Freund zu ſein, und nie in Verſtimmung von dem anders Denkenden ſich zu trennen, das iſt das Bedürfnis dieſer Eiſennatur. Und geboren iſt dieſe gütige Ge ſinnung aus einem köſtlichen Familienleben, das in einer geliebten Frau ihm Stunden höchſten häuslichen Glücks brachte und das Gedeihen und Selbſtändigwerden dreier Söhne und einer Tochter beſcherte.

Nicht aus Büchern(ſchreibt Thiel für ſeine Kinder),habe ich das Beſte, was ich weiß, gelernt, ſondern das Wertvollſte verdanke ich dem Umgang mit vortrefflichen geſcheidten Leuten, die ich faſt auf jeder Lebensſtufe zu finden das Glück hatte. Ein Optimiſt in allen Lebenslagen, der von ſeiner Mutter lernte, daß man nicht an die Schlechtigkeit der Menſchen glauben ſoll, vielmehr ſtets geneigt ſein muß, die beſten Abſichten vorauszuſetzen, ſtellt er als Grundſatz ſeines Lebens hin,daß weit über der Erreichung äußerer Ziele die innere Befriedigung ſteht, und daß dieſe, ſoweit es überhaupt möglich iſt, ganz weſentlich auf der Integrität des Charakters beruht, welche allein dem Menſchen dauernden Wert verleiht. Dafür iſt er ſelbſt das leuchtendſte Beiſpiel, und auf ſein Leben paßt das alte Bibelwort: Wenn es köſtlich geweſen iſt, ſo iſt es Mühe und Arbeit geweſen. Möge er ſich noch recht lange der wohlverdienten Ruhe, die für einen ſolchen Mann doch keine tatenloſe Ruhe iſt, erfreuen!