Aufsatz 
Die wichtigsten Resultate der Astronomie des 19. Jahrhunderts / Wilh. Kiefer
Entstehung
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§. 4. Die Sonne.

1. geſtalt, größe ic. Die Sonne, der Centralkörper unſers Planetenſyſtems, erſcheint als eine vollkommene Kugel, an welcher bis jetzt keine Abplattung wahrgenommen werden konnte. Aus Mas⸗ kelyne's Meſſungen folgerte man eine gewiſſe Abnahme des Sonnendurchmeſſers; doch mögen Inſtru⸗ mente geringerer Vollkommenheit jenen ſonſt ſo ſorgfältigen Beobachter getäuſcht haben, die genauen Meſſungen unſerer Tage zeigen dieſe Abnahme nicht und differiren nur um Weniges von der Angabe eines Thales, Ariſtarch und Eratoſthenes. Ihr wahrer Durchmeſſer beträgt 112,05 Erddurchmeſſer oder 192608 geographiſche Meilen, alſo iſt ihr Umfang 605099 Meilen. Ihre Oberfläche übertrifft die der Erde 12557mal, ihr Volumen das unſeres Planeten 1409725mal. Ihre Maſſe iſt indeſſen nur 355499mal größer als die Erdmaſſe, woraus folgt, daß ihre Dichte nahe ¼ der mittleren Erd⸗ dichte iſt. Aus dieſen Verhältniſſen ergibt ſich leicht, daß die Schwerkraft an der Oberfläche der Sonne 28,36mal größer als an der Erdoberfläche, daß ein Körper in der erſten Secunde ſeines Falles 428,25 Pariſer Fuß zurücklegen muß. Das Secundenpendel müßte eine Länge von 86 Par. F. haben.

2. Beohachtung der Finſterniß von 1860 und phyſiſche Beſchaffenheit der Sonne. Die berühmten Sonnenbeobachtungen von der Familie Herſchel, von Schwabe und Beſſel wurden bei Gelegenheit der am 18. Juli 1860 ſtattgefundenen totalen Sonnenfinſterniß weſentlich ergänzt. Zur Begründung vieler Hypotheſen, namentlich die Sonnenmaſſe ſelbſt betreffend, hat man längſt auf eine ſorgfältige Beobachtung der totalen Finſterniſſe hingewieſen. Da dieſe Erſcheinung für denſelben Ort nur alle 200 Jahre ſich einmal ereignet, ſo haben ſich im Sommer 1860 Geſellſchaften von Aſtronomen zur Beobachtung auf dem Schauplatze des Phänomen's eingefunden: Mädler, Goldſchmitt ꝛc. zu Vit⸗ toria; eine franzöſiſche Expedition: Leverrier, Foucault, Villarceau, Chacornac ꝛc. auf dem Sanctuarienberge bei Tarazana; Warren de la Rue zu Nivabelloſa am Ebro; die Lehrer von der poly⸗ techniſchen Schule im ſüdlichen Algerien; Lowe, Thompſon ꝛc.(am Bord des Himalaya) zu Fuente del Mar, nahe bei Santander und auf Anordnung Said Paſcha's der ägyptiſche Aſtronom Mah⸗ mud⸗Bey zu Dongola in Nubien.

Wenn die Finſterniß total wird, iſt die ſchwarze Mondſcheibe von einem lebhaft glänzenden, unmerklich roſenroth gefärbtem Ringe mit röthlichem Saume umgeben. Als ſicheres Ergebniß hat ſich herausgeſtellt, daß dieſe Corona mit ihren Prominenzen oder Protuberanzen zur Sonne gehöre, wodurch allen rein optiſchen Hypotheſen ein Ende gemacht wurde. Man bemerkte weder einen Einfluß auf das Barometer, noch zeigte ſich der ſo oft erwähnte Finſternißwind. Auch Leverrier's Erwartung, den zwiſchen Merkur und Sonne vermutheten Planeten zu ſehen, iſt nicht in Erfüllung gegangen. Die Thiere zeigten keine Spur jener fabelhaften Furcht, mit welcher z. B. Mädler ſeine Beobachtung zu Breſt⸗Litowsk 28. Juli 1851 ausmalt; ſie wiſſen nichts von Sonne und Mond, nur Tag und Nacht leiten ihre Naturtriebe. An größeren Quadrupeden bemerkte man gar nichts, einige Vögel ſuchten ihre Nachtquartiere auf; Malven und Diſteln ſchloſſen ſich ꝛc.

Bisher galt von der phyſiſchen Beſchaffenheit der Sonne noch immer die bekannte Hypotheſe von Herſchel. Der dunkle Sonnenkern iſt von einer leuchtenden Hülle umgeben, ähnlich wie unſere Erde von der Luft. Dieſe Photosphäre iſt eine doppelte: eine äußere ſtark glänzende und eine innere von ſchwächerem Glanze. Sie gilt als die Quelle von Wärme und Licht. In dieſem Lichtmeere finden