Aufsatz 
Die wichtigsten Resultate der Astronomie des 19. Jahrhunderts / Wilh. Kiefer
Entstehung
Einzelbild herunterladen

6

§. 3. Der Mond.

1. Seine phyſiſche Beſchaſſenheit. Unter allen Planeten der inneren Gruppe wiſſen wir mit Beſtimmtheit von der Erde allein, daß ſie ein Mond auf ihrer Bahn begleitet. Indem wir ſeine Lichtgeſtalten, die Verfinſterungen und ſein Kalenderweſen als längſt erwieſene und bekannte Thatſachen übergehen, wollen wir vorerſt nur die Verdienſte hervorheben, welche ſich Schröter und namentlich Wilh. Gotth. Lohrmann unm ſeine phyſiſche Beſchaffenheit erwarben. Mit dieſer ruhmvollen Arbeit beſchäftigt, wurde Lohrmann im Jahre 1840 vom Tode überraſcht. Mit ſeinem Verluſte aber hat glücklicherweiſe die Menſchheit nicht auch den Verluſt der Früchte ſeines Fleißes zu beklagen. Denn ſeine Arbeiten vererbten auf die Aſtronomen Beer und Mädler, welche in würdiger Weiſe ſein Streben fortſetzten. Sie entwarfen nach ſeinem Plane eine vollſtändige Mondkarte, welcher eine To⸗ pographie beigefügt iſt:Der Mond nach ſeinen kosmiſchen und individuellen Verhältniſſen oder allge⸗ mein vergleichende Selenographie. Dieſe Schrift, in Verbindung mit einer neueren Arbeit von Schmidt in Olmützder Mond, muß Allen empfohlen werden welche ſich für ſeine phyſiſche Be⸗ ſchaffenheit mehr intereſſiren.

Nach Melloni's im Jahre 1846 angeſtellten Verſuchen hat das Mondlicht wohl Wärme, jedoch iſt das Verhältniß zur Sonnenwärme noch zu ermitteln.

Der Mond hat keine irgend wahrnehmbare Abplattung, dagegen aber eine theoretiſch ermittelte, äußerſt geringe Verlängerung gegen den Erdkörper hin(10000. Die einmal der Erde⸗ zugewandte Seite muß dies bleiben, bis auf die durch die ſogenannte Libration, d. h. durch die Ungleichheiten im Umlaufe erfolgten Schwankungen.

2. Seine Bahn. Die Erde mit ihrem Monde iſt eigentlich in Anbetracht ihrer Entfernung und Größendifferenz als ein Doppelplanet zu betrachten. Der gemeinſchaftliche Schwerpunkt fällt wohl noch in die Erde, aber ihrer Oberfläche näher als dem Mittelpunkte. Dieſer bewegt ſich in einer Ellipſe um die Sonne und müßte eigentlich als Centrum der Bahn des Mondes um die Erde ange⸗ ſehen werden. Allein die Erdbahn ſtimmt mit jener ſowohl in der Dauer als auch in den Störungen und Ungleichheiten überein, ſo daß man ſich erlauben darf, die Erde in Bezug auf den Mond als ruhend zu betrachten. Die Bahn des Mondes um die Sonne iſt eine Cyeloide ¹), welche aber ſo viele Störungen erleidet, daß ihre Beſtimmung wohl die ſchwierigſte Arbeit der Aſtronomie iſt. Hanſen zählt in ſeiner Theorie des Mondes mehrere hundert ſolcher Ungleichheiten ²), von welchen die bedeu⸗

tauſende vorausbeſtimmen kann. Wundern muß man ſich daher, daß ſich immer noch Leute finden, welche an dieſen Wahr⸗ heiten zweifeln können; ſtaunen muß man, daß noch jährlich Schriften erſcheinen können, von welchen wir folgende mit Verlaub anführen wollen: Neues Weltſyſtem, dargeſtellt wie es iſt, von And. Weinbach in Erbach 1850.Die Erde ſteht feſt ꝛc. ꝛc. Dr. Schöpfer, Berlin 1854.Der kleine Kosmos, verſtändliche Weltbeſchreibung und Verwahrung gegen irrige Anſichten und Rückſchritte, welche im neueſten Werke eines großen kosmiſchen Gelehrten vorkommen. Cöln, Schmitz. Doch wie dieſe Schriften ohne Aufſehen erſchienen, ſo iſt auch ihr Verſchwinden ſpurlos, höchſtens Mitleid erregend, wenn man nicht andere unheimliche Beweggründe ihres Erſcheinens annehmen will. 1) Ein Punkt auf dem Umfange eines Rades beſchreibt bei der Fortbewegung des Rades eine Cyeloide oder Radlinie. 2) Wenn der Mond von der Erde allein beherrſcht würde, ſo wäre ſein Umlauf raſcher, d. h. der Monat um einige Stunden kürzer und er würde der Erde einige hundert Meilen näher rücken. Die Sonne aber bewirkt Veränderungen. Bei Neu⸗ und Vollmond muß er ſich langſamer bewegen als im erſten und letzten Viertel(Evection); ebenſo hat man ſpäter