Aufsatz 
Die wichtigsten Resultate der Astronomie des 19. Jahrhunderts / Wilh. Kiefer
Entstehung
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Foucault's Verſuch als directe Beweisführung für die Rotation der Erde, angeſtellt im Dome zu Köln von Garthe 1852.

2. Die geſtalt der Erde. Ueber die Geſtalt der Erde iſt man immer noch nicht zu einer wün⸗ ſchenswerthen Klarheit gekommen. Die Mittel, welche zur Ergründung derſelben angewandt wurden, ſind Pendelbeobachtungen, gewiſſe Ungleichheiten im Mondlaufe, Meridianmeſſungen durch Triangu⸗ lation und Zenithſector, Beobachtungen mit dem Paſſageninſtrument und Vergleichung der Uhrzeiten zur Beſtimmung der Längenunterſchiede, wozu augenblickliche Lichtſignale, Chronometer und in den letzten Jahren der galvaniſche Telegraph benutzt wurden. Beſonders hervorzuheben iſt die Sorgfalt, mit welcher die Geometer die Triangulation vornahmen. Ueber die ganze Baſis wurden Zelte ge⸗ ſchlagen, um das Material der Klafterſtange vor der Witterung zu ſchützen; die Stangen ſelbſt waren mit Compenſation verſehen, und die Zwiſchenräume wurden mikrometriſch aufgenommen. Seit den berühmten Expeditionen des 17. und 18. Jahrhunderts haben ausgedehnte Meſſungen in allen Theilen der Erde ſtattgefunden. Die am Kap der guten Hoffnung von einem Franzoſen begonnene Meſſung wurde von Maclear, dem Aſtronomen der dortigen Sternwarte, vollendet. In England iſt der Bogen von der Inſel Wight bis zu den Shetland's⸗Inſeln gemeſſen worden; eben ſo in Indien vom Kap Comorin bis zum Himalaya und zuletzt in Rußland vom weißen Meere bis zur Mündung der Donau, eine Strecke von 180 Meilen. Aus Gründen der Theorie ſchloß man auf eine ſphäroidale Geſtalt der Erde, d. i. eine Geſtalt, welche durch die Drehung einer Ellipſe ¹) um ihre kleine Axe hervorgebracht wird. Es war nun eine Aufgabe der Rechnung, aus den durch Meſſung gefundenen geometriſchen Eigenſchaften der Ellipſe das Verhältniß der beiden Erdaxen zu beſtimmen.

Dieſe Berechnung wurde aus den Daten der zuverläſſigeren Gradmeſſungen von Schmidt, Walbeck und Beſſel nach den ſtrengſten Anforderungen der Theorie vollzogen. Von Beſſel beſitzen wir eine Tabelle, welche die Längen und Breitengrade von 5° zu 5°, den Radiusvector und die ver⸗ beſſerte geographiſche Breite ²) enthält. Den Radius des Aequators fand er zu 3272077,14, den des Poles zu 3261139,33 Toiſen, ſo daß die Abplattung in runder Zahl zu ⁄30o angenommen werden kann.

Von dieſer ſphäroidalen Geſtalt mögen aus andern Gründen noch bedeutende Abweichungen ſtatt⸗ finden. So lange aber die Gradmeſſungen nicht in größeren Dimenſionen über die verſchiedenſten Theile der Erde vorgenommen ſind, müſſen alle Anſichten darüber nur Vermuthungen bleiben.

Durch ein ſinnreiches Experiment hat Plateau die durch Rotation und Centrifugalkraft bewirkte Abplattung beſtätigt. Es handelte ſich darum, eine weiche Maſſe von der Anziehung der Erde zu befreien, was dadurch erzielt wurde, daß er einen Oeltropfen in eine gleich ſchwere Miſchung von Waſſer und Alkohol brachte. Durch Rotation bewirkte er beliebig große Abplattungen, die Kügelchen breiteten ſich zu flachen Sphäroiden aus, von welchen ſich bei vermehrter Geſchwindigkeit ein Ring

1) Die Form der Bahn, welche überhaupt am häufigſten vorkommt, iſt die Ellipſe, eine in ſich zurückkehrende Curve, welche 2 im Mittelpunkte rechtwinkelige Axen hat. In der großen Axe liegen in gleicher Entfernung vom Mittelpunkte 2 Brennpunkte, deren Abſtand der halben großen Axe gleich iſt. In dem einen Brennpunkte ſteht der Centralkörper und ſeine Entfernung vom Mittelpunkte heißt Excentricität. Perihelium(Sonnennähe) heißt der Ort, in welchem ein Planet der Sonne zunächſt ſteht, Aphelium(Sonnenferne) der Ort der größten Entfernung.

2) Radius vector iſt die Gerade von einem Punkte der Erdoberfläche bis zum Mittelpunkte, und der Winkel, den dieſe Gerade mit der Ebene des Aequators bildet, die verbeſſerte geographiſche Breite.