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spruch zu liegen. Und doch konnte ich nicht darüber hinaus kommen, weil ich damals noch in der bis in die neueste Zeit fast allgemein obwaltenden Annahme befangen war, dass bei allen Insekten das geflügelte Thier die vollendetste Form in deren Metamorphose sei. Ob meine hierbei auftauchende dunkele Ahnung, dass noch eine weitere Entwickelungsphase dieser Aphiden-Arten existire, sich verwirklichen werde, darüber konnte mir nur die Fortsetzung der angefangenen Beobachtungen und Untersuchungen mit der Zeit Gewissheit geben. Nun wurde mir nach dem Erscheinen meiner erwähnten Abhandlung die lähre und Freude zu Theil, mit einer Anzahl namhafter Entomologen in nähere Beziehung zu kommen. Der Meinungsaustausch mit denselben und insbesondere die neuen Beobachtungen und Entdeckungen an anderen Aphiden- Arten von Lichtenstein(Montpellier), Rilley(Washington), Monell(St. Louis), welche ich aus deren mir freundlichst von denselben zugeschickten Schriften kennen lernte, bestärkten mich in meiner Vermuthung. Ich setzte deshalb meine Beobachtungen und Untersuchungen wührend der Jahre 1878 und 1879 mit dem bestimmten Ziele fort, die erwähnte Lücke, wenn möglich, auszufüllen, was mir denn auch, wenn auch nur theilweise, gelungen ist. Die Restlücke hoffe ich mit der Zeit auch ausfüllen zu können.— Die gewonnenen Resultate habe ich in dieser Ab- handlung niedergelegt, jedoch nicht gesondert, sondern in Verbindung mit denjenigen aus den Jahren 1875 bis 1877, um dadurch eine, soweit dies bis jetzt möglich ist, vollständige Ent- wickelungsgeschichte der in Rede stehenden Aphiden-Arten, namentlich von Tetraneura ulmi L. zu liefern. Zu diesem Zwecke habe ich Manches aus meiner früheren Abhandlung hier noch einmal aufnehmen müssen. Die damals kurz gehaltenen Beschreibungen der einzelnen Thier- formen habe ich diesmal ausführlicher gegeben und durch bedeutend vergrösserte Abbildungen veranschaulicht, wovon die meisten nach lebenden Exemplaren, die übrigen nach Prüparaten ge- zeichnet sind.
Tetraneura ulmi L. Das Urthier.
Das Thier, welches im Frühjahr aus den Rindenrissen von Ulmus campestris L. hervor- tritt(ich nenne es, wegen der verschiedenen Formen, die ihm bis zur Vollendung der Verwand- lung im Laufe des Jahres folgen, und weil mit ihm der Entwicklungs-Cyklus beginnt, Urthier) ist ungeflügelt, 1 mm gross, glänzend schwarz, länglich, hinten etwas breiter als vorn und fast abgestutzt. Man bemerkt dasselbe im Frühjahr zu der Zeit, wann die Knospen der Bäume und Sträucher im Anschwellen begriffen sind, an den Zweigen in der Nähe der Knospen in Menge ruhig sitzend, als ob die Thiere die Entfaltung derselben abwarten wollten. Kaum ist der Rand des ersten Blättchens über den Deckschuppen der Knospe sichtbar. so begibt sich eins derselben an die grüne Stelle und beginnt da seine Thätigkeit. Ihm folgen im Laufe der nächsten Tage, während welcher die übrigen Knospenblättchen zu ihrer Eutfaltung auch hervortreten, die anderen Bundesgenossen, um sich in die Falten der zarten Blättchen zu drängen und da das geheime Geschäft ihres Vorgängers ebenfalls anzufangen. Worin dies Geschäft besteht, kann man zu- nächst nicht sehen. Erst dann, wann die Flächen der jungen Blättchen in der Ausbreitung begriffen sind, sieht man an bleichgrünen, röthlichen oder rothen Stellen die Folgen der bisherigen Thätigkeit der Eindringlinge. Je nachdem die Thiere hier längere oder kürzere Zeit gewirkt haben, sind dann die anders als grün gefärbten Stellen an der Blattfläche kleiner oder grösser. Auf der Oberseite dieser Stellen bilden sich zwischen den Seitenrippen nach und nach von allen Seiten her geschlossene Ausstülpungen des Blattgewebes als Wohnort für die Thiere. Diese Ausstülpungen, Gallen, haben je nach der Grösse und Ueppigkeit des Blattes selbst verschiedene


