Aufsatz 
Neue Beobachtungen und Entdeckungen an den auf Ulmus campestris L. vorkommenden Aphiden-Arten / von Hermann Kessler
Entstehung
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Neue Beobachtungen und Entdeckungen

an den auf Wlmus cçampestris I. vorkommenden Aphiden-Arten von

Dr. Hermann Friedrich Kessler.

Da auf Ulmus campestris L. vorkommenden Aphiden-Arten bewirken im Frühjahr als flügellose Thiere auf den Blättern Missbildungen(Gallen), worin sie ungeflügelte Junge zur Welt bringen, welche im Juni, bezw. Juli im geflügelten Zustande die Gallen verlassen und dann eben- falls ungeflügelte Thiere zeugen. Wohin diese letzteren abgesetzt werden und was aus denselben wird, ob sie es sind, welche überwintern und dann im Frühjahr wieder erscheinen, das ist bis jetzt unbekannt geblieben. In meiner Abhandlung»Die Lebensgeschichte der auf Ulmus cam- Destris L. vorkommenden Aphiden-Arten etc.«*) habe ich nun zwar nachgewiesen, dass die Gallen- erzeuger im Frühjahr aus den Rindenrissen der Ulmen hervorkommen, auch auf S. 7 gesagt, dass diese mit den im Sommer geborenen Thieren identisch seien, und zwar gegründet auf Ver- gleichungen, welche ich im Sommer 1877 mit eben geborenen, also lebendigen, und solchen, welche ich im Mai in Canadabalsam gebracht hatte, also todten, anstellte. Meine hierbei, aller- dings nicht ohne Bedenken gezogene Schlussfolgerung, dass, weil beide Thierformen im Allge- meinen in der Körperbildung übereinstimmten, auch darum identisch sein müssten, und dass die im Sommer geborenen in den Rindenrissen überwinterten und im Frühjahr den Fortpflanzungs- process wieder von Neuem anfingen, war indess eine irrthümliche. Ich hatte von diesem Irr- thum, abgesehen davon, dass eine Vergleichung von lebendigen und todten Thierchen von so zuarter und weicher Beschaffenheit wie diese, nicht zu einem sichern Resultate führen kann, auch damals schon eine dunkele Ahnung. Ich konnte nämlich die beiden Erscheinungen, wonach die Thiere einerseits von ihrem Auftreten an, im April, bezw. Mai, bis zur Vollendung ihrer Entwickelung, d. h. bis zur geflügelten Form, nur zwei Monate Zeit nöthig haben, und dass dann andererseits für die ungeflügelten Jungen derselben 9 bis 10 Monate bis zu deren Zeugungs- reife erforderlich sein sollten, nicht in Einklang bringen. Zwei Monate Zeit der Thätigkeit für die Fortpflanzung und zehn Monate Zeit der Ruhe oder der Vorbereitung für den Aufbau eines so zarten und einfachen Körperorganismus wie der der Aphiden darin schien mir ein Wider-

*) Programm der höheren Bürgerschule in Cassel, 1878, und Verlag von Th. Kay in Cassel. 1*