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Bei der Lektüre eines grösseren Werkes ist vor allen Dingen darauf zu achten, dass der Schüler eine Ubersicht über den Zusammenhang und den künstlerischen Aufbau des Ganzen gewinne. Die geschichtliche Einleitung wird sich auf das Notwendigste beschränken, auch die Erklärung wird massvoll sein und jenes schöngeistige Asthetisieren vermeiden, das dem naiven Standpunkt der Jugend am allerwenigsten angemessen ist.
Der litteraturgeschichtliche Unterricht beschränkt sich auf die von Tertia an über das Leben der Dichter zu gebenden Mitteilungen, die sich in Prima zu abgerundeten Lebensbildern unserer klassischen Dichter vervollständigen.
Ebenso schliesst sich das Notwendigste über Metrik und Poetik in Secunda und Prima an die gelesenen Gedichte an. Dort kommen Versfuss, Vers, Strophe und Reim, hier die ver- schiedenen Gattungen der Poesie zur Sprache. Viel wichtiger als eine theoretische Kenntnis dieser Formen und Begriffe ist für den Realschüler die sichere Vertrautheit mit einer hinreichenden Zahl von Meisterwerken unserer Litteratur.
Der stilistische Unterricht im Deutschen soll nach den Lehrplänen vom 31. März 1882 abzielen auf Sicherheit im schriftlichen Gebrauche der Muttersprache zum Ausdruck der eigenen Gedanken und zur Behandlung eines in dem eigenen Gedankenkreise liegenden Themas. Aus dem über die Behandlung der deutschen Lektüre Gesagten geht bereits hervor, wie der stilistische Unterricht durch das Lesen, das Aufsuchen der dem Lesestücke zu Grunde liegenden Disposition und die Wiedergabe des Inhalts gefördert wird. Aber auch der gesamte übrige Unterricht soll für die UÜbung in mündlicher und schriftlicher Darstellung fruchtbar gemacht werden. Zunächst der Unterricht in den fremden Sprachen. Während derselbe bei einer etwas nachlässigen und einseitigen Behandlung die Muttersprache durch Aufnahme undeutscher Ausdrücke und Rede- wendungen entstellt, wird er umgekehrt den Gebrauch der eigenen Sprache fördern, wenn mit Nachdruck auf die Wahl des richtigen deutschen Ausdruckes und deutscher Satzbildung geschen und durch die Hervorhebung der Unterschiede das Gefühl für die Eigenart der deutschen Sprache geschärft wird. Auch der Unterricht in den realen Fächern wird sich nicht mit einer blossen Mitteilung thatsächlicher Kenntnisse begnügen, sondern einen besondern Wert darauf legen, dass der Schüler nicht etwa stückweise die Brocken seines Wissens von sich gebe, sondern in vollständigen Sätzen antworte und sich über eine umfangreichere Aufgabe in sprachlich richtigem und logisch geordnetem Vortrage äussere. So wird jede Unterrichtsstunde für das Deutsche fruchtbar gemacht.
In erster Linie muss also der Schüler mit dem Gegenstande, welchen er behandeln soll, sachlich vollkommen vertraut sein. Insbesondere darf für den deutschen Aufsatz nur ein Thema gewählt werden, zu welchem er den Stoff entweder im Unterricht oder durch seine eigene, sei es äussere, sei es innere Erfahrung sich angeeignet hat. Wenn man nun erwägt, dass bei nor- malem Vorwärtsschreiten der weitaus grösste Teil unserer Schüler nach sechsjährigem Besuch, also bereits vor vollendetem sechzehnten Lebensjahre die Schule verlässt, dass man es also auch in der obersten Klasse in der Regel mit etwa fünfzehnjährigen Knaben zu thun hat, so ergiebt sich von selbst, dass von einer nachhaltigen inneren Erfahrung bei unseren Schülern noch keine Rede sein kann. Damit verbietet sich die abstrakte Behandlung moralisierender und ästheti- sierender Themata. Allerdings wird sich der Schüler gerade im deutschen Unterricht auch sittliche Wahrheiten anzueignen, den Sinn für das Schöne unter der Leitung des Lehrers zu bilden haben: die deutsche Lektüre giebt zur Besprechung dieser Dinge unausgesetzt Veranlassung und


