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3. Auf das Vorlesen folgt die Besprechung und die Aufhellung der dem Schüler etwa noch dunkel gebliebenen Punkte. Biographische Mitteilungen über die Dichter sind in den unteren Klassen nur dann zu machen, wenn durch dieselben das Verständnis der Dichtung gefördert wird, z. B. bei Chamisso's„Schloss Boncourt.“ In allen Klassen sind dagegen die Namen der Dichter zu merken.
4. Der Erklärung folgt das Lesen der Schüler. Dieselben sind von Anfang an mit grösster Strenge an lautrichtiges, deutliches und sinngemässes Lesen zu gewöhnen. Korrigierende Unterbrechung von Seiten des Lehrers ist nicht ganz zu vermeiden, aber möglichst am Ende des Satzes oder der Strophe anzubringen. Das Chorlesen empfiehlt sich zur Übung sowohl im lautrichtigen und geläufigen, als auch im aus- drucksvollen Lesen(vgl. Palleske, die Kunst des Vortrags).
5. Nach der Lektüre haben die Schüler von besonders für diese Ubung geeigneten Stücken die Disposition zu finden.
6. Darauf erfolgt bei prosaischen Stücken und Gedichten erzählenden Inhalts die Wieder- gabe seitens der Schüler bei geschlossenen Büchern.
7. Zum Schlusse kann auf verwandte Stücke und den gemeinsamen höheren Gesichts- punkt hingewiesen werden(z. B. der Sänger, der Graf von Habsburg, Arion, des Sängers Fluch.)
Für die Behandlung der Lektüre in den einzelnen Klassen ist noch Folgendes zu bemerken:
Sexta und Quinta: Die Hauptsache ist Gewöhnung an genaues, deutliches, lautrichtiges und sinngemässes Lesen, das an einfachen Stücken: Märchen, Sagen, Fabeln unablässig geübt wird. Durch die mündliche Wiedergabe des Inhalts werden die Schüler im zusammenhängenden Sprechen geübt.
Quarta und Tertia: Erzählungen geschichtlichen Inhalts, Schilderungen aus der Natur und dem Leben treten hinzu. Der Wiedergabe des Inhalts geht in geeigneten Fällen das Auf- suchen der Disposition voraus. Parallel mit dem geschichtlichen Unterricht geht in beiden Klassen eine übersichtliche Wiederholung der griechischen und römischen, bezw. germanischen Mythologie.
In jeder der Klassen Sexta bis Secunda werden jährlich 10— 12 Gedichte auswendig gelernt, welche weiter unten im Pensum jeder einzelnen Klasse näher bezeichnet sind.
Auch für Secunda empfiehlt sich der fortgesetzte Gebrauch des Lesebuchs; häufig wird die Wahrnehmung gemacht, dass die in den unteren und mittleren Klassen erworbene technische Lesefertigkeit in den oberen Klassen wiederum verloren geht.
Etwa von Tertia an tritt die poetische der prosaischen Lektüre gegenüber in den Vorder- grund. Balladen von Uhland, die Vaterlandslieder von Arndt, Körner, v. Schenkendorf werden in dieser Klasse, Balladen von Uhland, Schiller, Göthe, Bürger werden in Secunda gelesen; die Schiller'schen Gedichte kulturgeschichtlichen Inhalts: Das Eleusische Fest, das Lied von der Glocke, der Spaziergang in Prima. In Prima ferner lyrische Gedichte von Göthe, Schiller, Uhland, Heine, Lenau und Geibel; als Beispiele für die epische Poesie: Abschnitte aus der Homerübersetzung und Gedichte von Voss, endlich ein Drama von Schiller, in erster Linie„Wilhelm Tell.“ In Oberprima können von Dramen gelesen werden: Jungfrau von Orleans, Wallenstein, Minna von Barnhelm, Götz von Berlichingen, sowie das epische Gedicht
„Hermann und Dorothea,“ 3*


