Aufsatz 
Lehrpläne für den Unterricht in der christlichen Religionslehre und im Deutschen
Entstehung
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Die Interpunktionslehre hält mit der Satzlehre gleichen Schritt. Sie tritt daher bereits in Sexta auf und wird in Tertia durch eine übersichtliche Zusammenfassung der wichtigsten Regeln zum Abschluss gebracht.

Den Mittelpunkt des deutschen Unterrichts bildet die Lektüre, die sich in den unteren und mittleren Klassen auf die Stücke des Lesebuches, in den oberen Klassen vorzugsweise auf die Meisterwerke unserer klassischen Dichter erstreckt. Dieser Unterricht soll die Lesekunst und die sprachliche Bildung des Schülers befördern, seinen Geschmack läutern, sein sittliches Gefühl heben und ihn mit Liebe zu seinem Volke erfüllen. Dagegen ist es nicht die Aufgabe dieses Unterrichts, dem Schüler ein gewisses encyklopädisches Wissen zu vermitteln und sich heute zu einer Geschichts-, morgen zu einer Geographie-, übermorgen zu einer naturwissenschaft- lichen Stunde zu gestalten. Daher sind alle diejenigen Lesestücke auszuscheiden, welche lediglich auf die Mitteilung thatsächlicher Kenntnisse abzielen oder eine weitläufige Sach- erklärung fordern. Dagegen sind Reisebeschreibungen, Schilderungen der Natur und des Lebens zu empfehlen, wenn sie dem sachlichen Verständnis keine besonderen Schwierigkeiten bieten und in eine anziehende, mustergültige Form der Darstellung gekleidet sind. Für die sogenannten Realien ist durch besondere Stunden ausreichend gesorgt; zudem würde die Erklärung des Inhalts, selbst wenn sie dem Lehrer des Deutschen immer gelingen sollte, die Teilnahme und die Kraft des Schülers dem Hauptzweck, nämlich dem Lesen selbst entziehen. Das Lesen ist es aber, welches in diesen Stunden gelernt werden soll, aber unmöglich an Stücken gelernt werden kann, welche dem Verständnis auf Schritt und Tritt einen Stein des Anstosses in den Weg werfen. Freudige Teilnahme ist, wie für jeden Unterricht, so insbesondere für das Lesen erforderlich; auch ist es dem Schüler gewiss zu gönnen, wenn die Mühe des unausgesetzten Lernens je und dann durch die Beschäftigung mit dem Schönen unterbrochen, wenn der den Unterricht beherrschende Geist der Notwendigkeit und der strengen Zucht gemildert und ergänzt wird durch den Geist der Freiheit und der Liebe, der gerade durch die Lesestunde in die Schule eingeführt werden soll. Aus der deutschen Nationallitteratur hat daher das Lesebuch in erster Linie seinen Stoff zu entnehmen und dem Schüler das allgemein Menschliche in der Form zu zeigen, wie es die edelsten Männer unseres Volkes angeschaut und dar- gestellt haben. Dann wird es die Lesestunde sein, in welcher das jugendliche Gemüt von dem Wehen deutschen Geistes berührt und mit Begeisterung für die idealen Güter des Vater-

landes erfüllt wird. Pür die methodische Behandlung der Lesestücke sind hauptsächlich die folgenden Gesichts-

punkte massgebend:

1. Der Lektüre wird in der Regel eine kurze Vorbemerkung vorausgehen, welche die Erwartung des Schülers erregen und, ohne den Inhalt des Stückes vorwegzu- nehmen, die Thatsachen erläutern soll, ohne deren Kenntnis dasselbe beim ersten Lesen unverständlich bleiben müsste. Bei lyrischen Gedichten wird allerdings eine solche Einleitung nur dem geschickten und erfahrenen Lehrer gelingen; im anderen Falle lässt man sie am besten weg, wie auch zuweilen in der Absicht, dass der erste Eindruck des Gedichtes ein möglichst reiner und ursprünglicher sei.

2. Der Lehrer lese Gedichte und zuweilen auch kleinere prosaische Stücke zuerst ganz vor; bei grösseren halte er an den Hauptabschnitten inne.