Aufsatz 
Lehrpläne für den Unterricht in der christlichen Religionslehre und im Deutschen
Entstehung
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diges Beispiel giebt. Damit ist nicht gesagt, dass der deutsche Unterricht der augenblicklichen Eingebung und Stimmung des Lehrers zu überlassen sei: es ist vielmehr für jede einzelne Stunde eine sorgfältige Vorbereitung notwendig, wie andererseits die gesamte Lehraufgabe im voraus einer genauen Feststellung für jede einzelne Klasse bedarf. Dass dieser Lehrplan nicht nur auf die geistige Entwickelung einer jeden Altersstufe, sondern auch auf den Gang der übrigen Fächer, welche zu dem Deutschen in dem Verhältnis eines gegenseitigen Gebens und Empfangens stehen, Rücksicht zu nehmen hat, ergiebt sich aus dem obersten Grundsatz von der Einheit der Bildung von selbst.

Im Gegensatz zu der Auffassung, dass die Pietät gegen die Muttersprache einen beson- deren Unterricht in der deutschen Grammatik verbiete, erscheint derselbe gerade für die Real- schule um so dringender geboten, als die durch den neusprachlichen Unterricht zu erreichende allgemeine grammatische Bildung mit der aus dem Studium der alten Sprachen zu gewinnenden nicht für gleichwertig erachtet werden kann. Lateinische Flexion und Syntax werfen auf die entsprechenden Verhältnisse im Deutschen ein weit bestimmteres und klareres Licht, als das Französische, während der für diesen Zweck aus dem Englischen zu ziehende Vorteil noch ge- ringer erscheint. Es ist daher ein systematischer Unterricht auch in der deutschen Grammatik notwendig, aber er ist nach einem anderen Gesichtspunkte zu betreiben, als der grammatische Unterricht in einer fremden Sprache. Das Sprachgefühl des Schülers ist, wenn auch noch nicht gefestigt, so doch wenigstens so weit entwickelt, dass hier überall der induktive Weg eingeschlagen und die Regel aus den Beispielen abstrahiert werden kann. Abgesehen von den fehlerhaften Eigentümlichkeiten seines Dialekts bringt der Schüler den grammatischen Stoff seiner Mutter- sprache mit in die Schule, sodass die Aufgabe des ÜUnterrichts weniger darin besteht, dem Schüler die grammatischen Thatsachen mitzuteilen, als vielmehr darin, qurch eine richtige Leitung des Sprachgefühls das Wahre vom Falschen zu unterscheiden, in die zerstreuten Einzelheiten des grammatischen Wissens Klarheit, Sicherheit und Ordnung zu bringen. Durch geeignete Hinweise auf die grammatischen Erscheinungen der fremden Sprachen wird schliesslich dem Schüler der Blick für die Thatsache geöffnet, dass es dieselben allgemeinen Formen und Gesetze des Denkens sind, welche sich, wie in jeder anderen, so auch in der NMuttersprache in eigen- artiger Weise offenbaren.

Im Deutschen zerfällt der grammatische Unterricht in die Lehre von der Rechtschreibung, den einzelnen Wortklassen und der Satzbildung. Er verteilt sich auf vier Jahre und zwar auf die Klassen Sexta bis Tertia, jedoch so, dass die einzelnen Abschnitte nicht scharf getrennt werden, sondern der ganze Stoff in konzentrischen Kreisen erweitert und das Pensum des vor- hergehenden Jahres im nachfolgenden wiederholt und vervollständigt wird.

Für den Unterricht in der Rechtschreibung ist der Grundsatz massgebend, dass jeder Laut durch den ihm entsprechenden Buchstaben bezeichnet werde. Wie also das Hören und Sprechen dem Lesen und Schreiben vorangeht, so muss auch das Lautbild eines Wortes zunächst durch das Ohr richtig aufgefasst und durch sorgfältiges Vor- und Nachsprechen eingeprägt werden. Der Auffassung des Wortlautes durch das Ohr folgt diejenige des Wortbildes durch das Auge. Genaues und deutliches Lesen ist daher die naturgemässe Vorübung für richtiges Schreiben; ausserdem muss, besonders in den unteren Klassen, möxglichst viel an die Tafel geschrieben werden. Nur für diejenigen Fälle, in welchen durch den Laut die Wahl des Lautzeichens nicht