Aufsatz 
Die Arbeitsweise Ciceros im ersten Buche über die Pflichten
Entstehung
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mit einander in Konflikt kommen. Ganz anders lag die Sache für Panätius und in unserm Buche. Panätius schliefst sich allerdings in der Beschreibung der einzelnen Tugenden an die Lehre der Stoiker an, gibt aber als Inhalt der Pflichtenlehre, was nach überein- stimmender Ansicht aller Guten für recht gilt. Seine sittlichen Vorschriften lassen also recht wohl eine Vergleichung zu, ja ein Konflikt der Pflichten ist nicht nur möglich, sondern sogar notwendig, da fast jede Pflichterfüllung mehr oder weniger die Verletzung einer andern Pflicht in sich schlieſst. So ist Ciceros Kritik an Panâtius nicht ganz und gar unberechtigt. Um so befremdender ist die Art, wie er den vermeintlichen Fehler des Panâtius gut machen will. Er teilt die sittlichen Handlungen nach den vier Kardinal- tugenden in vier Klassen, vergleicht dann die Klasse der sozialen Pflichten als ein Ganzes mit je einer Klasse der Pflichten, die mit der Erkenntnis, der Tapferkeit oder der Be- sonnenheit zusammenhängen, und weist den sozialen Pflichten den Vorrang vor denen der Erkenntnis, den Pflichten der Selbstbeherrschung unter Umständen den Vorzug vor denen der Gerechtigkeit zu. Es ist nicht anzunehmen, daſs diese unzulässige Beschränkung des Themas von Posidonius herrührt; sicherlich hat dieser nicht die Pflichten, die mit der Weisheit zusammenhängen, im Bausch und Bogen den sozialen nachgestellt. Wie hoch er die theoretische Tugend und die mit ihr zusammenhängenden Pflichten gestellt hat, zeigt seine Telosformel, in der er als höchstes Ziel aufstellt: ¹) j εαααdνα ν ονν 61ω àεινν⅔ autb rägse nat upkuraoweudovra adroy zard 10 duraröy, zard 1εm⁸εν dνναμέενον νπα roο ãdoyou uονs rije wugis. Auch was sonst von seiner Tugendlehre wirklich bekannt ist, läſst sich nicht mit dem vereinigen, was Cicero hier vorträgt²). Erweckt so der Gesamt- inhalt schweren Zweifel an seiner Herkunft von Posidonius, so werden diese Bedenken noch verstärkt durch die Betrachtung der einzelnen Teile unserer Abhandlung. Im An- fange von§ 153 wird gesagt, daſs ein Weiser, selbst wenn er an allen Dingen UÜberfluſs häâtte und alles Wissenswürdige mit der gröſsten Muſse erforschen könnte, sich doch töten würde, wenn die Einsamkeit so groſs wäre, daſs er keinen Menschen sähe. Ob wirklich die völlige Einsamkeit unter den genannten Umständen einen Forscher wie Posidonius zu diesem verzweifelten Entschlusse brächte oder ob diese Vorstellung nur dem Redner Cicero so entsetzlich ist, braucht hier nicht erörtert zu werden. Der Charakter unserer Stelle tritt klar an den Tag, wenn wir sie neben Cic. Lael.§ 87 setzen.

off. I§ 153. . si contigerit ea vita sapienti, ut om- nium rerum affluentibus copiis omnia, quae

Lael.§ 87. Alque hoc maxime iudicaretur, si quid tale posset contingere, ut aliquis nos deus ex

hac hominum frequentia tolleret et in soli- tudine uspiam collocaret atque ibi suppedi- tans omnium rerum, quas natura desiderat, abundantiam et copiam hominis omnino

cognitione digna sint, summo otio secum ipse consideret et contempletur, tamen, si solitudo tanta sit, ut hominem videre non

possit, excedat e vita.

¹) Clem. Alex. Strom. II p. 416 B. Vgl. Schmekel S. 270 Anm. 4. ²) Vgl. Schmekel S. 269 ff. Der Satz Schmekels S. 274:In diesem Falle steht die Tugend, welche sich auf das Gemeinwesen bezieht, höher als die des Wissens paßt nicht zu seinen sonstigen Ausführungen und gründet sich nur auf unseren Abschnitt off. I 152 ff. Auch Hirzels Ausführungen(II, 517 ff.) sind durch die Meinung beeinflußt, unser Abschnitt gehe im wesentlichen auf Posidonius zurück. O. Heine, der ebenfalls der Meinung ist, die Schlußparagraphen unseres Buches seien auf Posidonius zurückzuführen, bemerkt doch:Nach dem, was wir sonst von Posidonius' Lehre wissen, möchte man annehmen, daß er umgekehrt den aus der Weisheit fließenden Pflichten den Vorzug eingeräumt hat.