80 Gôtter nennt, so mag das unter dem Banne von§ 153 geschehen, auf eine Abhängigkeit von Posidonius darf man daraus nicht schlieſsen).
Die ganze Beweisführung zu Gunsten des Vorzugs der sozialen Pflicht enthält also Gedanken, die Cicero auch sonst geläufig sinde) und denen zum Teil Gewalt angetan ist, um ihnen für den Zusammenhang an unserer Stelle eine taugliche Gestalt zu geben. Die ganze verworrene, wenig durchdachte und unerfreuliche Darstellung ist offenbar eigene Arbeit Ciceros, die, eilig hingeworfen, vielleicht nur deshalb die jetzige Gestalt behalten hat, weil Cicero nicht Zeit fand oder im Drange der Geschäfte vergaſs, den unfertigen ersten Entwurf auszuarbeiten. Auſser der kurzen dürftigen Erinnerung an Posidonius im § 159 enthält unser Schlufsabschnitt nichts, was mit Recht als Eigentum dieses Philosophen angesprochen werden dürfte.
Im ganzen hat also die Untersuchung über die Arbeitsweise Ciceros in unserm Buche folgendes Ergebnis: Es hat offenbar eine starke Verkürzung der Vorlage durch Cicero stattgefunden, und zwar nicht nur im Anfange, sondern das ganze Buch hindurch. Eine treue Wiedergabe Panäâtianischer Sätze wird man nur an verhältnismâſsig wenigen Stellen annehmen dürfen. Bisweilen hat der ursprüngliche Text durch Cicero nur eine leise Färbung erhalten, bisweilen erscheinen Panätianische Sätze mit Zutaten Ciceros verflochten und verfilzt; an einigen Stellen gleitet die Darstellung von der Vorlage zu römischen An- schauungen hinüber, an anderen wird sie durch kürzere oder längere Einlagen erweitert. Beibehalten hat Cicero abgesehen von einer Stelle die Disposition des Panätius, und am engsten schlieſst er sich da an seine Vorlage an, wo es gilt, Begriffe zu bestimmen, die gewissermaſsen die Träger der Disposition sind. Aber die ursprüngliche Anordnung ist einerseits durch Nachlässigkeit, andererseits durch Verkürzungen und Erweiterungen oft verwirrt und verwischt, so dats es nicht zu verwundern ist, wenn die Darstellung zuweilen planlos und ungeordnet erscheint. Daſs Cicero für das erste Buch aufser Panätius noch andere Quellen benutzt hat, ist nicht anzunehmen. Dagegen hat er sich natürlich bin und wieder an Ausführungen erinnert, die er in seinen Schriften über das höchste Gut und über die Freundschaft gemacht hat. Eine reinliche Scheidung zwischen Panàâtianischem Gut und Ciceros Erweiterungen ist schwer durchzuführen; denn Gedanken des Panätius finden sich auch in dem Werke über das höchste Gut und im Lälius, so daſs Anklänge an diese Schriften an und für sich noch nicht beweisen, daſs Cicero sich von seiner Vorlage entfernt, und andererseits waren viele stdische Sâtze Allgemeingut der Gebildeten in Ciceros Zeit.— 1 8297
Wenn man von dem ersten Buche auf das Ganze schliefst, so kann man nicht be- haupten, daſs Cicero auf die Bücher über die Pflichten eine auch nur mäſsige Sorgfalt verwandte, und es ist eine seltsame Laune des Schicksals, die diesem Werke nicht nur unter den philosophischen Schriften Ciceros, sondern in der ganzen Weltliteratur einen hervorragenden Platz angewiesen hat.
¹) Der Satz(§ 157) itemque magnitudo animi remota communitate coniunctioneque humana feritas sit quaedam et immanitas paßt so wenig in den Zusammenhang, daß man nur wegen des Gesamtchayakters unseres Abschnitts an seine Herkunft von Cicero glauben kann. In einer sorgsam durchgearbeiteten Abhandlung wurde er mit demselben Rechte für eine Interpolation gehalten werden müssen, wie im§ 160 der Satz: Etenim cogni- tionem prudentiamque sequetur considerata actio. Ita fit, ut agere considerate pluris sit quam cogitare prudenter, den O. Heine eingeklammert hat.— ²) Vgl. Klohe S. 38.


