Aufsatz 
Die Arbeitsweise Ciceros im ersten Buche über die Pflichten
Entstehung
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70 mit dem unmittelbar Vorhergehenden läſst sich nicht leugnen. Es fragt sich nur, ob er das Wesentliche aus der vorhergehenden Erörterung zusammenfaſst.

Cicero hat im vorhergehenden Abschnitte davon gehandelt, welche Pflichten wir zu erfüllen haben, damit wir der Forderung der Schönheit gerecht werden in der Haltung und Bewegung des Körpers und Geistes. Daran hat er angefügt, wie wir in der Rede gefällig zu bleiben und das Häſsliche zu meiden haben, und schliefslich, wie das Haus eines geachteten und vornehmen Mannes sein muſs, damit es gefalle. Davon war sicherlich der letzte Abschnitt(§ 138, 139 und 140) ganz ein Zusatz Ciceros, während Kap. 37 (also§ 132§ 137) wenn nicht ganz, so doch zum groſsen Teil eigene Gedanken Ciceros enthält. Schlieſslich war auch§ 129 zum grofsen Teil auf Ciceros Rechnung zu setzen. Es bleibt also in diesem Abschnitte nicht allzuviel übrig, was sich Panâtius mit einiger Sicherheit zuschreiben läſst, nämlich im ganzen vielleicht fünf Paragraphen. Wie auſserordentlich dürftig ferner ist der Abschnitt, den er mit den Worten beginnt:Sed multo etiam magis elaborandum est, ne animi motus a natura recedant! Im ganzen scheint es also, als wenn dieser Abschnitt von der stoischen Quelle recht dürftig bewässert wäre. Andererseits aber verliert Cicero nie den Faden, er handelt in diesem ganzen Teile von der Formositas. Dafs er auch im§ 141 die Einteilung seines Stoffes, die er im§ 126 ankündigte, im Gedächtnis behalten hat, zeigt der folgende§ 142, in dem er gemaſs§ 126 zum zweiten Teile, den ordo rerum übergeht. Der ganze Zusammenhang zeigt auch nicht Spuren von Nachlässigkeit, weder die voraufgehenden Paragraphen noch der folgende § 142. Ich môchte darum nicht annehmen, wie das Müller zu glauben scheint, daſs unser Paragraph nachlässig hingeschrieben, sondern daſs er der Vorlage entnommen ist und daſs die Zusammenfassung aus diesem Grunde manches nicht hervorhebt, was in der Ciceronischen Erweiterung der Vorlage als wesentlich erscheint. Das Thema des vorher- gehenden Abschnittes war die Formositas. Diese ist eine Art der Sophrosyne. Das vornehmste Gebot, das aus ihr hergeleitet wird und in dem alle andern Vorschriften enthalten sind, ist demzufolge:ut appetitus rationi pareat. Von ihm heiſst es daher zu guterletzt noch einmal:Horum tamen trium praestantissimum est appetitum obtemperare rationi. Im besonderen aber besteht die Schönheit in dem rechten Verhältnis der Teile zu einander und zum Ganzen¹). So heiſst es bei Arnim III, 278: Sorreg re 16 ναeςα⁴sς 1od 0⁶νμαεο so uuuergia νν εαέν ν αϑννεαταντν αν‿* έεασ‿ e al 90 10 ö40 al. Wenn unser Handeln also schön erscheinen soll, so mufs die zweite Vorschrift unseres Paragraphen beachtet werden:deinde ut animadvertatur, quanta illa res sit, quam efficere velimus, ut neve maior neve minor cura et opera suscipiatur, quam causa postulet. In diesem Falle wird unsere Handlungsweise anständig und würdevoll erscheinen; fehlerhaft wird auch dieses Streben, wenn es das rechte Maſs überschreitet. So ergibt sich die dritte Vorschrift, die sich auf das Wesen der Formositas gründet:Tertium est, ut caveamus, ut ea, quae pertinent ad liberalem speciem et dignitatem moderata sint. Modus autem est optimus decus ipsum tenere, de quo ante diximus, nec progredi longius. Die drei Gebote, die unsere Zusammenfassung gibt, entspringen also erstens aus dem Wesen der über- geordneten Gattung Sophrosyne, zweitens aus dem wesentlichen Merkmal des Begriffs Formositas und drittens aus der Gefahr, die dem Streben entspringt, dem Gesetz der

¹) Der pulchritudo aber wird formositas ohne weiteres im Beginne von§ 130 gleichgesetzt. Vgl. ferner Arnim III 278 S. 68. Stobaeus ecl. II, 62, 15 W.