Aufsatz 
Die Arbeitsweise Ciceros im ersten Buche über die Pflichten
Entstehung
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welche Pflichten aus ihr entspringen Da Sophrosyne eine Art von virtus ist, so gelten

für sie alle Merkmale, die der Tugend zukommen, und die Pflichten, die aus der Tugend im allgemeinen hergeleitet werden, gelten auch für die vierte insbesondere. Sie gebietet also wie die Tugend im allgemeinen, daſs nichts ohne Uberlegung getan wird und dafs nichts geschieht, was sich nicht durch die Vernunft rechtfertigen läfst. So wird als besondere Pflicht dieser Tugend hier genannt, was im§ S als Bestimmung des officium medium gegeben ist, nâmlich nur das zu tun, was sich vor der Vernunft rechtfertigen läſst. Dieser allgemeine Satz bietet aber zugleich die Uberleitung zur Angabe der be- sonderen Pflicht unserer Tugend. Wie es allgemeine Pflicht ist, in allem der Vernunft zu gehorchen, so ist es die der Sophrosyne eigentümliche: efficere, ut appetitus rationi oboediant sintque tranquilli atque omni perturbatione animi careant. Denn nur so werden sie immer dem Ziele zueilen und nicht die Schranken überspringen(ex quo elucebit omnis constantia omnisque moderatio) und sie werden nicht Rossen gleichen, die durchgegangen sindi¹), und nicht Körper und Geist zerrütten. Das aber tun die Leidenschaften, wie schon der äuſsere Anblick eines Leidenschaftlichen beweist. Also ist die Aufgabe der Sophrosyne die Triebe einzuschränken und zu beruhigen und wachsam auf die Gebote der Vernunft zu achten; denn nicht zu Spiel und Scherz, sondern zur Erfüllung ernster Aufgaben hat uns die Natur gebildet.

So ist die Darstellung, die Cicero vom Wesen und den Aufgaben der Sophrosyne gibt, im ganzen geordnet und wohlverständlich. Auch hat er in den§§ 100 103(Mitte) schwerlich etwas vorgebracht, was er nicht aus seiner Vorlage geschôpft hat. Dagegen pafst das, was er in der letzten Hälfte von§ 103 und im§ 104 über den Scherz sagt, nicht in den Zusammeahang. Vielmehr ist diese ganze Erörterung eine Anmerkung, die Cicero an die Wortead ludum et iocum facti esse im§ 103 angeknüpft hat.

In den folgenden§§ 105 und 106 spricht Cicero von dem Decocum, das der Mensch aus Rücksicht auf die Menschenwürde im Gegensatz zu den Tieren zu wahren hat. Dabei muſs man festhalten, daſs hier nicht die Rede ist vom:decorum, quod in omni honestate versatur, sondern nur von dem, welches eine Erscheinungsart der Sophrosyne ist. Denn nur von dieser Eigenschaft und von der Verachtung der Sinnenlust ist im Kapitel XXX die Rede. Wir haben es also mit der untergeordneten Art des Decorum zu tun, mit dem, quod ita naturae consentaneum est, ut in eo moderatio et temperantia appareat(§ 96). Wir haben eben alle in erster Linie der Rolle des Menschen treu zu bleiben, aber auſser dieser allgemein menschlichen Aufgabe hat jeder noch eine andere Rolle zu spielen, die ihm persönlich gegeben ist. Das letztere wird in den folgenden Paragraphen, von § 107 bis§ 125 ausgeführt. Im§ 107 heiſst es:Ferner mufs man daran denken, dafs die Natur uns eine doppelte Rolle aufgetragen hat. Die eine ist eine gemeinsame, infolge dessen daſs wir alle der Vernunft teilhaftig sind und der Vorzüglichkeit, die den Menschen über die Tiere erhebt, auf die Sittlichkeit und Anstand im allgemeinen zurückgeht und

¹) Die Vergleichung der Leidenschaften mit durchgehenden Pferden ist den Stoikern nicht fremd. So wird ααιοσ definiert als: 6 G dnge9ouern nal drεανο 16y(Arnim III 377 S. 92. Clemens Al. Strom. II p. 460 Pott.), und an einer anderen Stelle wird von ihm gesagt: aeν ds Siaries, ori, olldan dgPcονas robc ν 1oie deoεν dyras érl 05, u⁵αρςρεᷣε rõοe obeν, d ie 0ꝓρQ ⁶ν ο nᷣꝓεοοιςνονς abdänreg dnro reros drerdode on, drd́νεονασαmαμαις wεπν. Vgl. Arn. III 389 S. 94. Stob. ecl. II 89, 4 W. und Bonhöffer I. 284.