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warum Cicero die Abhandlung über die vierte Tugend gestrichen und durch einen Abschnitt über das Geziemende ersetzt hat. Einfach unglaublich aber ist die Art, wie aus der Definition von 20G die von oεo“ entstanden sein soll. Schliefslich sagt Cicero selbst ausdrücklich, daſs die beiden Definitionen nicht von ihm selbst gebildet sind. Die Begriffsbestimmung des ersten Decorum leitet er(§ 96) mit den Worten ein:„Atque illud superius sic definiri solet,“ die des zweiten mit:„Quae autem pars subiecta generi est, eam sic definiunt.“ Er hat die Definitionen also in seiner Quelle vorgefunden, wo sie auch von Panätius auf andere Gewährsmänner zurückgeführt waren.
Gibt uns denn nun der Cicerotext die Möglichkeit, Panätius Ansicht über das Decorum zu erkennen? Cicero sagt(§ 93 und§ 94) erstens:„Die Bedeutung von decorum ist eine solche, daſs man es von honestum nicht trennen kann; denn was sich geziemt, ist sittlich gut, und was sittlich gut ist, geziemt sich. 2. Welches der Unterschied zwischen honestum und decorum ist, kann leichter begriffen als dargelegt werden. 3. Alles, was von der Art ist, daſs es sich ziemt, tritt dann erst zu Tage, wenn das sittlich Gute vorausgegangen ist(zu Grunde liegt). 4. Wie köôrperliche Anmut und Schönheit von der Gesundheit nicht getrennt werden kann, so ist dieses Decorum, über das wir reden, zwar ganz mit der Tugend verschmolzen, wird aber durch den denkenden Verstand geschieden.“ Das Decorum laſst sich also vom Honestum nicht trennen. Decken sich darum beide Begriffe? Keineswegs; denn Cicero fährt fort:„Der Unterschied(qualis autem diffe- rentia sit) kann leichter begriffen als dargelegt werden.“ Also ist doch ein Unterschied vorhanden. Cicero kann ihn vermutlich nicht darlegen, weil er nicht aufgemerkt hat, wie er in seiner Quelle festgestellt ist. Panâtius' Meinung darüber tritt schon klarer hervor, wenn wir weiter lesen:„Alles was von der Art ist, daſs es sich ziemt, tritt erst dann zu Tage(id tum apparet), wenn die Honestas vorausgegangen ist.“ Diesen Satz hat schon Facciolati!) richtig erklärt:„Honestas antegreditur tanquam causa hoc modo: est honestum, ergo decet. Cum autem dicimus: decet, ergo honestum est: argumentatio est ab effectu.“ Ferner ist aber auch das apparet“ꝰ) nicht bedeutungslos. Der Satz sagt also: Das Decorum ist die Erscheinung des Honestum, durch das es bedingt wird. Wenn Cicero weiter sagt:„Wie die körperliche Anmut und Schönheit von der Gesundheit nicht getrennt werden kann, so ist dieses Decorum, von dem wir reden, zwar ganz mit der Tugend verschmolzen, wird aber verstandesmäſsig geschieden,“ so stimmt dieser Satz auf das voll- kommenste mit dem Vorhergehenden überein. Auch die körperliche Schönheit ist von der Gesundheit untrennbar, aber nicht identisch mit ihr, sondern eine Erscheinungsform der Gesundheit; Gesundheit ist die Bedingung der körperlichen Schönheit. So hat Cicero in seiner Quelle offenbar als Definition für das Decorum generale gefunden: Decorum ist die dufsere Erscheinung dessen, was übereinstimmt mit der Vorzüglichkeit des Menschen in dem, worin seine Natur von der der übrigen lebenden Wesen verschieden ist(d. h. die Wahrung solcher Formen des àufsern Verhaltens, welche der Würde der sittlichen Persönlichk eit im Menschen entsprechens).
¹) Vgl. Ausgabe v. Degen-Bonnell zu unserer Stelle.— ²) Auch im§ 59 heißt es: Quare pertinet quidem ad omnem honestatem hoc, quod dico, decorum et ita pertinet, ut non recondita quadam ratione cernatur, se d sit in promptu,(dh. es liegt auf der Hand, liegt zu Tage).— ³) Cicero würde also die Definition richtig überliefert haben, wenn er§ 96 mit einer geringen Anderung geschrieben hätte: decorum esse, cum id appareat, quod consentaneum sit hominis excellentiae in eo, quo natura eius a reliquis animantibus differat.


