IV.
Nachdem über Weisheit, Gerechtigkeit und Tapferkeit gehandelt ist, müſste eine Darstellung der Pflichten folgen, die mit der Mäfsigung im Zusammenhange stehen. In der Tat wendet sich Cicero(§ 93) dem vierten Teil seiner Abhandlung mit den Worten zu:„Hierauf mufs über den einen noch übrigen Teil gesprochen werden, in dem man Rücksichtnahme, einen gewissen Schmuck des Lebens, Selbstbeherrschung, Mäſsigung und im allgemeinen Beherrschung der Leidenschaften und das rechte Mafs in den Dingen unterscheidet“. Cicero will also über die vierte Kardinaltugend reden und zählt ihre Arten auf. Aber schon im nächsten Satze sagt er: Hoc loco continetur id, quod dici latine decorum potest, graece enim oeno dicitur, wendet sich so dem Schicklichen zu und handelt hierüber im ganzen folgenden Abschnitt bis zum§ 151.
In den§§ 94 bis 96 setzt er auseinander, was unter Decorum zu verstehen sei. Die richtige Auffassung dieser Stelle ist wichtig für die Erkenntnis der Anordnung fast des ganzen folgenden Abschnitts; es ist deshalb nôtig, zuerst über sie zur Klarheit zu gelangen. Was in den Ausgaben unseres Buches zu ihrer Erklärung vorgebracht wird, ist nur zum Teil richtig; ganz verfehlt aber sind Schmekels und Klohes Ausführungen. Schmekel (S. 36 ff.) scheidet zunächst die Worte aus:„itaque non solum in hac parte honestatis“ (§ 94 Mitte) bis„quod cogitatione magis a virtute potest quam re separari“(§ 95). Diese Worte enthalten tatsächlich nichts, was für das Verständnis unserer Stelle sich nicht entbehren liefse, und sind für eine von den zahlreichen Anmerkungen anzusehen, mit denen Cicero das verbrämen zu müssen glaubt, was er aus seiner Vorlage entnommen hat. Nach Ausscheidung der angegebenen Worte erhielten wir, so meint Schmekel,„eine scharfe, klare und kurze Begriffsentwickelung.“ Er fährt fort:„Das decorum im eigentlichen Sinne ist wesentlich dasselbe wie das honestum. Beide sind in Wirklichkeit stets vereint und nur be- grifflich trennbar, ebenso wie die Schönheit des Körpers nur begrifflich von der Gesundheit losgelöst werden kann. Dieses decorum ist nun zweifach: 1. das decorum schlechthin und 2. dasjenige, welches innerhalb der einzelnen Tugenden statthat. Das erste deckt sich mit dem honestum, wie die beigefügte Definition zur Gewiſsheit macht¹); das zweite gibt die Art und Weise an, wie das erste innerhalb der einzelnen Tugenden erscheint. Beide sind also auch nur begrifflich zu scheiden.“ Ich muſs gestehen, dafs mir der Schmekelsche Unterschied zwischen dem ersten und zweiten Decorum nicht recht einleuchtet. Das Honestum erscheint doch auch nur in den einzelnen Tugenden, und wenn das erste Decorum sich mit dem Honestum deckt, so kann es eben auch nur in den einzelnen Tugenden sich zeigen. Was soll überhaupt die Einführung dieses Begriffs Decorum, wenn er völlig gleichbedeutend mit Honestum ist? Ferner steht in der Definition des zweiten, unter- geordneten Decorum(§ 96):„ut id decorum velint esse, quod ita naturae consentaneum sit, ut in eo moderatio et temperantia appareat etc.“ Schmekel(S. 37 Anm. 2) meint, die Worte moderatio und temperantia seien hier allgemein zu fassen; es könne unmöglich unter diesem zweiten Decorum nur das Wesen der vierten Tugend verstanden sein; denn unmittelbar vorher sage Cicero von diesem Decorum(§ 96):„et aliud huic subiectum, quod pertinet ad singulas partes honestatis“ und(§ 98):„efficitur, ut et illud, quod ad omnem honestatem pertinet, decorum, quam late fusum sit, appareat et hoc,
¹) Decorum id esse, quod consentaneum sit hominis excellentiae in eo, in quo natura eius a reliquis ani-
mantibus difterat(§ 96). 8*


