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Tapferkeit der groisen Männer enthält§ 92 die notwendige Ergänzung über das ent- sprechende Verhalten der gewöhnlichen Menschen. Sie ist deshalb notwendig, weil die Tugend nicht bloſs tür hoch begabte Männer möglich ist. Schon deshalb gehen wir nicht fehl, wenn wir diese Berücksichtigung der gewöhnlichen Menschen bei Cicero auch auf Panàtius zurückführen, zumal da dieser es auch sonst getan hat.“ Ich kann Schmekels Meinung nicht folgen, da ich bei Cicero keinen Anhalt für die Schmekelsche Einteilung habe finden können. Der§ 46, auf den sich Schmekel beruft, kann uns hier wenig helfen. Dort heifst es: Quoniam autem vivitur non cum perfectis hominibus planeque sapientibus, sed cum iis, in quibus praeclare agitur, si sunt simulacra virtutis etc. Aber von voll- kommenen Menschen ist doch auch in den früheren§§ 69— 91 keine Rede.
Im ganzen also dürfte der Gedankengang in dem Kapitel, das der Tapferkeit gewidmet ist, bei Panàâtius folgender gewesen sein. Nachdem das Wesen der Tapferkeit beschrieben und ihre beiden Erscheinungsarten angegeben waren(§ 61 und§ 66), wurde über die Hochherzigkeit gesprochen, die sich in der Verachtung der äuſsern Dinge zeigt(§ 67 und§ 68). Dieser Teil der Tugend bewirkt Gemütsruhe und Sorglosigkeit, die sich als Festigkeit und Würde äuſsern. Um dieser Güter teilhaftig zu werden, gibt es zwei Wege. Mit gröſserer Leichtigkeit und Sicherheit erwirbt man sie, wenn man in der Zurück- gezogenheit lebt. Dagegen wird man die zweite Seite unserer Tugend, die Tatkraft, besser entfalten können, wenn man mitten im öffentlichen Leben steht(§ 69—§ 71). Die politische Taâtigkeit erfordert dabei im gleichen Maſse die hohe Gesinnung, welche äuſsere Güter verachtet(§ 72 und§ 73 Anfang). Hierauf war ausgeführt, was man vor jedem Unternehmen zu tun hat(§ 73 und§§ 74— 80) und dann gezeigt, welche Vor- schriften von dem zu erfüllen sind, der mitten in den Geschäften steht(§ 80 bis§ 91). Von diesem ist verlangt, daſs er die Tapferkeit vereinige erstens mit Klugheit(§§ 80, 81, 83 und 84), zweitens mit Gerechtigkeit(§ 85 bis§ 87), drittens mit Mäſsigung (§ 88 bis§ 91) besonders im Glück(§ 90 und§ 91). Aber auch wenn man sich von dem öffentlichen Leben fern hält, kann man der zweiten Art der Tapferkeit gerecht werden, indem man als Forscher oder Geschäftsmann tatkräftig für das Wohl der Seinigen und des Staates sorgt(§ 92).
Diese Ordnung aber ist bei Cicero etwas verwirrt durch Anmerkungen, in denen er die Disposition nicht beachtet hat, wie z. B. im Beginn des§ 89. Dabei hat er das Wirken im öffentlichen Leben anordnen wollen nach der Tatigkeit im Kriege und im Frieden. Aber er hat den Stoff, den seine Vorlage ihm bot, nicht so sorgfältig verarbeitet, daſs er sich überall in die neue Anordnung einfügte, und andererseits seine eignen Ein- lagen nicht immer an der rechten Stelle eingeschoben. Dabei hat der Abschnitt über die politische Wirksamkeit dadurch eine eigentümliche Färbung erhalten, daſs er sich unter einem Menschen, der in der Offentlichkeit wirkt, abweichend von Panätius immer einen höhern Staatsbeamten vorstellte. Schliefslich mufste sich die Vorlage beträchtliche Ver- kürzungen und andererseits wieder Erweiterungen gefallen lassen, so daſs in einzelnen Abschnitten nur noch kümmerliche Reste der Schrift des Panätius zu finden sind. Daſs diese Veränderungen dem Ganzen keinen Vorteil gebracht haben, lehrt uns der Inhalt des Pandâtiusfragments bei Gellius und seine Vergleichung mit dem entsprechenden Abschnitt bei Cicero.


