Aufsatz 
Die Arbeitsweise Ciceros im ersten Buche über die Pflichten
Entstehung
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mag das an der Art liegen, wie Cicero seine Vorlage kompiliert hat. Daſs er sie frei bearbeitet hat, zeigt der Anfang von§ 86 und der Schlufs von§ 87.

Schlossen sich die Vorschriften, die im§ 85§ 87 gegeben werden, an Plato an, so wird im§ 88 und§ 89 die Lehre der Peripatetiker bekämpft. Von diesen heifst es Tuscul. disp. IV. 43: Primum multis verbis iracundiam laudant: cotem fortitudinis esse dicunt, multoque et in hostem et in improbum civem vehementiores iratorum impetus esse, levis autem ratiunculas eorum, qui ita cogitarent: proelium rectum est hoc fieri, convenit dimicare pro legibus, pro libertate, pro patria. Haec nullam habent vim, nisi ira excan- duit fortitudo. Nec vero de bellatoribus solum disputant; imperia severiora nulla esse putant sine aliqua acerbitate iracundiae; oratorem denique non modo accusantem sed ne defendentem quidem probant sine aculeis iracundiae, quae etiamsi non adsit, tamen verbis atque motu simulandam arbitrantur, ut auditoris iram oratoris incendat actio. Virum denique videri negant, qui irasci nesciat.... Im Gegensatz zu dieser Ansicht der Peripatetiker wird in den§§ 88 und 89 folgendes ausgeführt: Man darf auf die nicht hören, die heftiges Zürnen für ein Zeichen von Tapferkeit halten, im Gegenteil kommt der Seelengröſse nichts mehr zu als Versöhnlichkeit und Milde. Selbst verdriefsliches Wesen steht nicht im Einklang mit unserer Tugend, sondern besonders in freien Staaten ist es Pflicht, sich umgänglich zu zeigen und keine Miſsstimmung über sich Herr werden zu lassen.

Der zweite Teil des§ 88 und der Beginn des§ 89 scheinen mir eine Zugabe Ciceros zu sein. Der Satz: Et tamen ita probanda est mansuetudo atque clementia, ut adhibeatur reipublicae causa severitas, sine qua administrari civitas non potest, spricht jedenfalls nur von dem vornehmen Römer in leitender Stellung, nicht von dem Griechen, der im öffent- lichen Leben steht. Die Worteneque ad eius, qui punitur aliquem aut verbis castigat, sed ad reipublicae utilitatem referri haben mit dem Zorn nichts zu tun, sondern gleiten in den Gedankenkreis des§ 85 hinüber, ebenso warnt der erste Satz des§ 89 vor Unge- rechtigkeit. Aber das gehört gar nicht in diesen Zusammenhang. Spricht er aber in diesem Satze vom Zorn, so ist die Form des nächsten SatzesProhibenda autem maxime est ira in puniendo gar nicht verständlich. Erst mit diesem Satze kehrt Cicero zu dem Thema zurück, das er mit§ 88 zu behandeln begonnen hat, und bekämpft weiter die Ansicht der Peripatetiker, daſs Tapferkeit durch Leidenschaft und speciell Zorn erhöht werde.

War also vorher die Forderung aufgestellt, die Tapferkeit mit Klugheit zu verbinden, dann verlangt, daſs man im tapfern Handeln stets die Pflichten der Gerechtigkeit beobachte, so wird hier der Zorn von der Sittlichkeit geschieden, und vielleicht hat Panätius in dem entsprechenden Abschnitt überhaupt gezeigt, daſs Tapſerkeit ohne Mäfsigung keine Tugend ist.

In den folgenden§§ 90 und 91 handelt Cicero von den Vorschriften, die für unser Benehmen im Glücke gelten. Hier zeigt sich die wahre Tapferkeit darin, daſs man sich von Gewalttatigkeit, Hochmut und Anmaſsung freihält, daſs man das Glück mit Mäſsigung erträgt, daſs man nicht hochmütig den Rat der Freunde zurückweist und, durch Erfolge aufgeblasen, Schmeichlern sein Ohr öffnet.

Mehr als ein Merkmal deuten darauf hin, dafs Cicero hier seine Vorlage mit ziemlicher Freiheit bearbeitet hat. Schon daſs er Panätius im§ 90 citiert, zeigt, daſs er hier nicht