Aufsatz 
Die Arbeitsweise Ciceros im ersten Buche über die Pflichten
Entstehung
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20 Lebens als die Wurzel, aus der nicht nur die Gerechtigkeit, sondern auch die beiden andern praktischen Tugenden erwachsen sind').

Ferner hat Madvig Anstoſs genommen an dem Satze; Ordo autem et constantia et moderatio et ea, quae sunt his similia, versantur in eo genere, ad quod est adhibenda actio quaedam, non solum mentis agitatio. In unpassender Weise werde hier actio quaedam als Merkmal dieser einen Tugend genannt, während es doch allen drei zukommt. Aber Cicero hat doch wohl seinen guten Grund, dieses Merkmal für die Mäfsigung noch einmal besonders hervorzuheben. Bei den beiden andern Tugenden ist es an und für sich klar, daſs actio zu ihrem Wesen gehört. Aber die Mäſsigung bezieht sich in erster Linie nicht wie die beiden andern praktischen Tugenden auf das Verhältnis zu den Mit- menschen, sondern auf die eigne Persönlichkeit,²) sie hat zum Gegenstand die Unter- ordnung der Triebe unter die Vernunft. Man kKönnte also meinen, sie sei bloſs mentis agitatio, wie die theoretische Tugend. Das ist aber nicht der Fall, will Cicero sagen, sondern sie gehört zu den praktischen Tugendens). Das begründet er durch den folgenden Satz: lis enim rebus, quae tractantur in vita, modum quendam et ordinem adhibentes honestatem et decus conservabimus

Ich komme zur Erklärung der Worte: Reliquis autem tribus virtutibus necessitates propositae sunt ad eas res parandas tuendasque, quibus actio vitae continetur. Hierzu bemerkt Madvig:Omitto, quod in dicendi genere non admodum perspicuum est, virtutibus necessitates propositas ad res parandas. Daſs diese Satzform anstössig ist, muſs man Madvig ohne weiteres zugeben. Die gewöhnliche Form würde sein: necessitates propositae sunt ad parandum tuendumque, wie Cicero sagt aliquem proponere ad imitandum, oder es müſste heiſsen: parandae tuendaeque res ad vitam agendam necessariae propositae sunt. Zu seiner eigentümlichen Satzform scheint Cicero einmal durch den vorhergehenden Satz veranlaſst zu sein: Quocirca huic quasi materia, quam tractet et in qua versetur, subiecta est veritas. Die Weisheit hat gleichsam zum Stoffe die Wahrheit, die praktischen Tugenden zur Vorlage die Lebensbedürfnisse; er will also necessitates und veritas einander scharf gegenüberstellen. Ferner soll in dem Satze der Gegensatz hervorgehoben werden von indagatio et inventio veri, dem Wesen der theoretischen Tugend, und actio vitae, womit es die praktischen Tugenden zu tun habenl). Der Satz heifst also: Die übrigen drei Tugenden haben zur Aufgabe die Beschaffung und Erhaltung der Bedürfnisse des praktischen Lebens. Hatte Cicero für die Darstellung dessen, was das Wesen der praktischen Tugend ausmacht, dieselbe Ordnung bewahrt, wie in der Beschreibung der theoretischen Tugend, so würden die Sätze folgende Reihenfolge zeigen: Das Wesen der Weisheit beruht im Aufspüren und Auffinden der Wahrheit. Ihr Stoff ist die Wahrheit. Die drei anderen Tugenden bewegen sich im Gebiete des praktischen Lebens. Ihr Stoff ist die Beschaffung und Erhaltung der Lebensbedürfnisse, und so sind Gerechtigkeit und Tapferkeit praktische Tugenden. Aber die Mäſsigung bewegt sich in einem Gebiete, zu dem ein gewisses Handeln, nicht nur geistige Regsamkeit gehört; denn in unsern Handlungen haben wir

¹) Uber die Rolle der Selbstliebe bei der Entwickelung der Meuscheit vgl. v. Scala S. 246 ff. Hirzel II 854. ²) Vgl. Schmekel S. 216 und 217; ferner off. I 101 103. ³) Es ist zu beachten, daß Cicero der vierten Tugend nicht einfach actio quaedam zuschreibt, sondern daß er sagt: ad quod est adhibenda actio quaedam, non solum mentis agitatio. ¹) Dieser Gegensatz ist scharf hervorgehoben. Cic. part. or.§ 76: Est vis virtutis duplex; aut enim scientia cernitur virtus aut actione.