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menschlichen Natur Entsprechende, d. h. als durch Vernunft veredelte natürliche Triebe. Der Gedankengang ist folgender: Alle lebenden Wesen haben von Natur den Trieb der Selbsterhaltung, Fortpflanzung und Erhaltung der Gattung. Aber das Tier wird zum Handeln nur durch seine sinnliche Natur, die sinnlichen Triebe und die sinnliche Wahr- nehmung bestimmt, der Mensch dagegen ist ein vernünftiges Wesen. Die Vernunft ¹) aber betrachtet die Dinge nach vorwärts und rückwärts und kommt zur Erkenntnis von Ur- sache und Wirkung, sie vergleicht die Xhnlichkeit und gewahrt so die wesentlichen Merk- male der Dinge. So gelangt sie dazu, das ganze Dasein zu begreifen,„der Mensch über- sieht den ganzen Lebenslauf und kann im Voraus für die Bedürfnisse des ganzen Lebens sorgen.“ Der durch die Vernunft veredelte Geselligkeitstrieb verbindet durch Sprache und gesellschaftliches Leben den Menschen mit Seinesgleichen und flöſst ihm eine ganz ausser- ordentlich innige²) Liebe zu seinen Kindern ein, sie treibt ihn gesellschaftliche Vereini- gungen und Versammlungen zu wünschen und zu besuchen und für sich und alle, die unter seiner Obhut stehen, alle Bedürfnisse eines kultivierten Lebens zu beschaffen.³) Diese Sorge um andere erweckt zugleich Mut und Tatkraft und wird so zu einer Quelle der Tapferkeit.
Im Gegensatz aber zur tierischen Natur kommt ausschliefslich dem Menschen als vernünftigem Wesen der Trieb zu, die Wahrheit zu suchen und aufzuspüren und, sobald er von notwendigen Geschäften und Sorgen frei ist, sich wissenschaftlich zu beschäftigen, und diese Tatigkeit hält er für erforderlich zum glücklichen Leben Hieraus kann man erkennen, dafs Wahrheit, Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit der menschlichen Natur entspricht). Mit dem Erkenntnistrieb hängt ein gewisses Streben nach der ersten Stellung eng zusammen, so dafs ein von der Natur wohl gebildeter Geist nur dem gehorchen will, der belehrt, überzeugt oder um des allgemeinen Besten willen eine gerechte und gesetzmäſsige Herr- schaft ausübt. Dieser Trieb zur Unabhängigkeit und Selbstbestimmung, der zu dem Streben führt, vor anderen hervorzuragen, wird so wieder eine Quelle der Seelengrôſse und Erhe- bung über das Irdische. Schliefslich ist in der vernünftigen Natur des Menschen der Sinn für Schönheit, Anmut und Harmonie begründet, der das Streben erzeugt, im Handeln Schönheit, Gleichmäfsigkeit und Ordnung zu bevrahren und sich vor allem Ungeziemenden, Weibischen und Leidenschaftlichen zu hüten. ⁵)
Dieses sind die Bestandteile des Sittlichen, das vom Ruhm unabhängig und von Natur lobenswert ist, selbst wenn es von niemandem gelobt wird.
¹) Vgl. Schmekel S. 209.— ²) Während im§ 11 von den lebenden Wesen im allgemeinen nur gesagt ist: cura quaedam eorum, quae procreata sunt, heißt es hier von dem durch die Vernunft veredelten Menschen: inprimis praecipuum quendam amorem in eos, qui procreati sunt.— ³) Wieder heißt es hier: parale ea, quae suppeditent ad cultum et ad victum, wozu die Vereinigung mit andern Menschen eine Voraussetzung ist, wührend im§ 11 als Trieb aller lebenden Wesen nur angegeben war: quae sint ad vivendum necessaria. —* Wie am Aufang v.§ 13(quae cura exsuscitat etc.) ein Zusammenhang von Gerechtigkeit und Tapfer- kein aufgewiesen wird, so wird hier gezeigt, wie die Gerechtigkeit mit der Weisheit zusammenhängt. Deutlicher tritt dieser Zusammenhang hervor Fin. II 46. Dort heißt es: His initiis inducti omnia vera diligimus, id est fidelia, simplicia, constantia, tum vana, fallentia, falsa odimus. ut fraudem, periurium. malitiam, iniuriam. Wenn Cicero hier den ursprünglichen Gedankenzusammenhang verdunkelt, so durfte auch das ein Beweis sein, wie wenig selbständig er hier arbeitet.(Vgl. dagegen Klohe S. 11.) Daran schließt sich unmittelbar an, wie die Weisheit zu einer Quelle der Hochherzigkeit wird.— ⁸) Vgl. Bonhöffer I. S. 216 ff.(A. Bonhöftfer, Epictet und die Stoa, Stuttgart 1890.)


