Aufsatz 
Über das Wesen des Komischen
Entstehung
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Grenzen gezogen. Es gibt Dinge im Leben, der Wissenschaft, Moral und Kunst, die durchaus keine Komik vertragen. Lachen beim Leiden und Schmerz kann oft unendlich wehe tun und unsittlich sein.

Am meisten wird vielleicht die soziale Bedeutung der Komik verkannt. Schon dals sie die Menschen zu Freude und Spiel zusammenführt, ist viel. Ihre ansteckende Kraft hat aber ihre Bedeutung noch über den Bereich der Stammtische und Witzblätter hinaus. Sie bindet die Menschen oft fester zusammen als ernste Interessen. Sie wirkt dabei ausgleichend zwischen den Klassen und Ständen. Das Lachen der Niederen hält den Herrn in Schranken, das Lachen der Gesellschaft hindert Ausschreitungen in Mode, Sitte u. s. w. Es begleitet und verkündet den Fort- schritt von Wissenschaft und Kultur, indem es das Alte und Überflüssiggewordene herabzieht.

Umgekehrt bedeutet der Humor des Einzelnen die Wahrung seiner Unabhängigkeit und Persönlichkeit. Humor kündigt immer ein Hochstehen an. Wer Humor hat, kann von der Komik nicht getroffen werden, denn sie ist für ihn selbst nur ein Spiel, in welchem er Mitspieler, nicht Spiel- zeug ist. Den Humor nicht verlieren heilst das Leben und seine Widerwärtigkeiten noch immer zu überwinden, d. h. als ein Spiel und nicht als Ernst zu nehmen wissen.

Freilich sind auch hier Grenzen vorhanden. Der Einzelne kann nicht immer allein stehen. Unsere Ehre ist auch abhängig von der Schätzung anderer. Darum gilt hier auch das Recht der ernsten Selbstverteidigung. Die juristische Verfolgung von schlechten Scherzen, von Karikaturen u. s. w. wird da einzutreten haben, wo sie uns in den Augen derjenigen, die wir selbst achten, heruntersetzt. Besser als ernste Verfolgung wird jedoch in der Regel Ruhe und stete Spielbereit- schaft bleiben. Der Gegner will uns ja aus dieser Sicherheit herauslocken. Sein Triumph würde gerade dann eintreten, wenn er das Spiel gewönne. Sind die Gegner des Spieles würdig, so gilt der Grundsatz: Auch sie haben Blöſsen, die man benutzen darf, sind sie unwürdig, so ist ein Ignorieren der beste Sieg.

Mit einem Wort mag noch die Bedeutung der Komik für die Schule gestreift werden. Wie grols sie ist, ergibt schon die einfache Tatsache, dafs oft die ganze Autorität eines Lehrers und die Lust und Liebe des Schülers zu ihm und zur Arbeit an diesem Begriffe hängt.

Auch für die Schule und die Erziehung zu reiner Menschlichkeit gilt das Gesetz: Der Mensch ist erst da ganz und voll Mensch, wo er spielt. Der Ernst hat sein gutes Recht, er darf aber die Freude am Leben nicht stets und ganz verdrängen.

Soll aber von einem Nutzen der Komik in der Schule die Rede sein, so hat man scharf zwischen dem Humor des Lehrers und dem der Schüler zu scheiden. Nur die vom Lehrer eregelte und gelenkte Lebensfreude wird in der Schule Platz haben können.

Der vom Lehrer ausgehende freiwillige und sich auf die Schüler übertragende Humor kommt zunächst ihm selbst zu gute.

Er hebt erstlich die Autorität des Dozenten. Er lälst den Lehrer als einen er- scheinen, der die Sache beherrscht. Echter Humor beruht, das fühlt auch die Jugend schon, immer auf einem Kennen und Wissen.

Er verschafft aber dem Lehrer zweitens auch Beliebtheit als Mensch. Einer, der Humor hat, nimmt uns die Furcht und das Bedrücktsein. Wir werden ja nun zu einem Spiel eingeladen. Besonders bei Präfungen ist ein freundliches, scherzendes Wort des Lehrers geeignet,

dem Schüler Mut zu machen. Friedrichs-Realgymn. 1904, 5