Aufsatz 
Über das Wesen des Komischen
Entstehung
Einzelbild herunterladen

27

der Künstler beruhigende Momente einzustreuen. Er muſs uns fühlen lassen, der Schaden ist kein groſser. Es handelt sich nur um eine kleine Strafe. Wir spielen mit den Personen wie mit Dingen und lassen sie nur eine Weile zappeln.

Damit kommen wir auf ein neues Mittel. Es ist der versoöhnende Charakter, der sich in der Darstellung oder der Führung der Handlung zeigen mufs. Wer nicht mitzukämpfen hat, sondern blofs urteilend über der Sache steht, wird nicht leicht Partei nehmen. Es wird sich bei ihm eine heitere Mitfreude an den Bestrebungen der Personen einstellen. Wenn wirklich ein Hochstehender Partei nimmt, so gilt sein Eintreten eher dem Unterdrückten und Kleinen. Ge- sunder Humor hat mehr Beziehung zum Optimismus als zum Pessimismus. Auch die Pessimisten Hamlet und Byron möôchten die Dinge mehr zu ihrem Recht kommen lassen. Witz, Satire und lronie freilich werden oft parteiisch. Sie wollen treffen und wirkliche Schäden aufdecken. In der Asthetik des Komischen haben sie nur einen Platz, wenn sie zugleich das Gefühl erwecken: Es gibt auch ein Gutes. Es wird nur nicht gesehen. Es könnte vieles anders sein.

Um diesen versöhnenden Charakter zu zeigen, bedarf es aber einer besonderen Rücksicht auf den Stoff. Er mufs ausgewählt und geordnet werden: Wir sehen nur soviel, als der Dichter will, daſs wir sehen sollen.

Auf der einen Seite knüpft er an Dinge an, die wir alle kennen, die uns lieb sind, aber häufig befehdet werden. Er bevorzugt das Volkstümliche, das Ländliche, Sitten und Ge- bräuche, an denen wir alle teilhaben. Ihr Wert kommt nun durch Abrundung und Einordnung zur Geltung. Was die Sittlichkeit für die Tragik ist, das sind die Sitten für die Komik. Auch sie haben positiven Erziehungswert und stehen im Idyll dem Grofsen nicht nach.

Auf der anderen Seite werden auch die Dinge, denen wir im Leben scheu gegenüberstehen, weil sie uns fremd sind, uns näher gerückt. Sie fügen sich in eine Harmonie, die wir in der Kunst deutlicher merken sollen als im Leben. Wir leben noch im heimischen Mileu, aber die Beleuchtung ist eine andere, der Gesichtskreis hat sich erweitert, und so scheint oft eine neue Welt sich vor uns auszubreiten.

Der Künstler operiert wohl auch mit der unbekannten grofsen Macht des Lebens, der wir so oft ohnmächtig gegenüberstehen. Allein sie zeigt sich für ihn und damit für uns gern als ein freundlich waltendes Schicksal. Statt eines blinden Fatums oder einer ernsten unerbitt- lichen Gerechtigkeit spielt uns höchstens ein neckischer Zufall einen Streich. Er schadet nur vorübergehend: Ende gut, alles gut. Freilich wird die Komik, wenn sie Selbstzweck in der Kunst sein will, das Leben nicht als eine Summe komischer Ereignisse hinstellen. Sie wird im Gegenteil Beziehung zu seiner Bedeutung suchen. Auch ihr liegt dann eine Idee zu grunde. Diese Idee trifft manchmal nur die Oberfläche und äufsere Form des Lebens, sie kann aber auch an seine Tiefen rühren. Im ersteren Fall ist die Idee eine heitere, im letzteren eine ernste. Oft sind beide in einem Kunstwerk verbunden, z. B. in Minna von Barnhelm. Das Wort Minnas:Der Mann, der mich jetzt mit allen Reichtümern verweigert, wird mich der ganzen Welt streitig machen, sobald er hört, dafs ich unglücklich und verlassen bin bildet den Schlüssel für die heitere Idee des Lustspiels, nach welcher weibliche List und praktischer Sinn mannlichem Ungeschick im Denken und Handeln oft nachhelfen kann und über ist. Die ernste Idee dagegen, dafs die innere Ehre eines Menschen sein höchstes und heiligstes Gut ist, wird mit dieser heiteren auf natürliche

Weise verknüpft und durch die Handlung ebenso offenbar. Die Art und Weise freilich, wie uns 4*