Aufsatz 
Über das Wesen des Komischen
Entstehung
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den der Künstler den Dingen gegenüber einnimmt: Er zeigt sie uns aus einer gewissen Höhe. Wir empfinden dann mit ihm eine gewisse Überlegenheit. Nicht er, sondern wir selbst sehen dann die Dinge schärfer, deutlicher, harmonischer und idealer. Wir glauben in eigener Person zu urteilen und jedem Ding sein Recht zuzusprechen. Die Überlegenheit kann natürlich verschiedener Art sein: intellektuell oder moralisch. In jedem Fall dürfen wir aber nichts von einer Absicht des Künstlers merken, sich etwa selbst höher stellen zu wollen als andere. Dann tritt dieselbe Verstimmung ein, die wir empfinden, wenn jemand beim Erzählen eines Witzes selbst lacht.

Durch Goethes Erzählerkunst z. B. wird dieses Gefühl der Überlegenheit in feiner und künstlerischer Weise erzeugt. Wir blicken selbst über die Schultern des getreuen Eckart auf die ängstlichen Kinderlein herab; mit dem Grafen im Hochzeitslied erlauben wir den Zwerglein freund- lich ein Fest, mit dem Meister sehen wir schon lange das Miſsgeschick des Zauberlehrlings voraus. Unsichtbar und erbaben stehen wir über dem Schatzgräber und identifizieren uns mit einer höheren Macht, die jederzeit in die gezeigte Handlung eingreifen und helfen kann. Wir reden die Personen sogar selbst von oben herab an: Da bist du nun, Gräflein.. Für uns bist du selbst so klein wie die Zwerge für dich!

Für die Malerei möchte ich an BöcklinsEinsiedler und an die Putten zu Rafaels Ma- donna di San Sisto erinnern. Wir könnten den Alten, der so innig dem Heiligenbild durch ein Violinspiel seine Achtung bezeugt, über die lustige Gesellschaft belehren, die ihm hinter seinem Rücken zuhört. Wir könnten die Putten Rafaels beim Ohr nehmen und ihnen Respekt vor dem Allerheiligsten lehren. Wir könnten es, wenn wir wollten. Aber wir wollen es gar nicht, denn das Tun der Schelme hier wie dort gefällt uns. Es steht gar nicht im Mifsklang mit dem Ehr- würdigen und Heiligen. Das könnte wohl der gewöhnliche Mensch denken, wir aber haben mit dem Künstler einen höheren Standpunkt gewonnen. Für uns bedeutet das Nahen der Engel einen Lohn für den Alten, eine Bestätigung seiner rechten und kindlichen Gottesverehrung. Die Rein- heit und Unschuld der Putten zu Füfsen der Madonna hat nicht nötig wie die Gestalt des Kirchen- fürsten im prächtigen Talar sich vor dem Allerheiligsten zu fürchten. Beide Bilder machen uns deutlich, dals der Humor eine Erleuchtung, ein Sonnenschein von oben ist.

Mit der Erhöhung des Standpunktes sind dem Künstler, wie wir leicht sehen, sehr viele andere Mittel gegeben, in uns eine heitere Grundstimmung zu erzeugen: Wir erfahren und wissen vor allen Dingen mehr als die handelnden Personen selbst. Darin liegt ein grofser Reiz. Wir sind mit dem Künstler im Geheimnis und lachen aus sicherem Versteck heraus. Wir freuen uns, weil wir voraussehen, was kommen wird. Man hat die tragische Furcht als ein Vor- ausleiden erklärt. So ist hier die komische Spannung ein Sichvorausfreuen. Unsere Spannung löst sich am Schlufs mit der scherzhaften Lehre und Befriedigung:Hab ichs nicht gesagt? Bei ein wenig Umsicht hättest du den Schaden vermeiden können! Es ist eine Schadenfreude, die auf Wohlwollen beruht. Sie enthält die Genugtuung, dafs der Schaden in der Komik ebenso heilsam wirkt wie das Leiden in der Tragik. Neben der tragischen Ironie steht hier der komische Ernst. Beide zeigen ein Verhalten, das durch die Lage nicht gerechtfertigt erscheint. Wie unsere Furcht durch die Heiterkeit und Unbesorgtheit des Helden vermehrt wird, so unsere Heiterkeit durch seine Besorgtheit und Furcht in gefahrloser Situation.

Damit wir aber nicht aus diesem Gefühl in wirkliche Furcht und Besorgnis geraten, hat