Aufsatz 
Über das Wesen des Komischen
Entstehung
Einzelbild herunterladen

20

mit Gedanken über den Ernst des Lebens hinwegzusetzen. Volkswitz und Mutterwitz zeigen diesen optimistischen Charakter des Spiels der Komik vielleicht am deutlichsten.

Wie jedes andere Spiel ist auch das der Komik ansteckend. Der Witz steht nicht gern allein. Schlagfertigkeit und gegenseitiges Übertrumpfen sind Hauptreize.

Einen Beweis dafür, dafs in der Komik die Aufforderung zu einem Spiele zu sehen ist, liefert die Beobachtung, dafs die Ablehnung und Weigerung etwas komisch zu finden, verletzend wirkt. Wir suchen uns unsere Gegner und Partner gern selbst auf. Wer immer zum Spiel aufgelegt ist, gefällt uns so wenig wie der, der immer unterliegt.

Auch die Tatsache, dafs die Komik vieles zu sagen erlaubt, was sonst verboten ist, deutet darauf hin, daſs man sie ja nur als ein Spiel, nicht als Ernst betrachtet.

Den stärksten Beweis für die Richtigkeit unserer Deutung liefern ahber vielleicht die Körper- vorgänge, die die komische Empfindung begleiten. Schon dafs auch der Körper, nicht nur der Geist erfrischt wird, zeigt die Beteiligung der ganzen Persönlichkeit. Aber ganz besonders auffallend sind die Gesten: Die Gesichtszüge, die Töne, die Verrenkungen des Körpers, das Schlagen und Bewegen mit Händen und gar Füfsen. Viele Erklärer wollen darin nichts als bloſse Reffexbewegungen sehen. Wir werden in ihnen jedoch zweckvolle, wenn auch unbewulſst ausgeübte Bewegungen erblicken können: Die Töne sollen den anderen aus seiner ernsten Passivität und Ruhe herauslocken und ihn auf unser Hiersein aufmerksam machen. Sie appellieren an sein Selbstgefühl. Wir zeigen die Zähne scherzhaft, um zu reizen, wir schlielsen die Augen, um zu zeigen, wir sind unbesorgt und fürchten uns nicht. Wir schlagen mit den Armen und fallen auf den Boden, um uns wehrlos zu stellen und zum Angriff zu locken.

Das Lachen lälfst sich oft nicht unterdrücken. Wir können bisweilen gar nicht umhin, dadurch dem andern unsere Meinung kund zu geben.

Wollen wir aber selbst komisch wirken, d. h. dem andern Gelegenheit zum Angriff geben, so dürfen wir nicht mitlachen, denn das wirkt verletzend. Es zeigt, daſs wir den anderen nicht als einen Mitspieler, sondern nur als ein Spielzeug betrachten.

Mit unserer Erklärung der Komik als eines Spiels oder einer Spielbereitschaft haben wir auch den Grund gefunden, weswegen der Lustcharakter der Empfindung eine so ver- schiedenartige Färbung annehmen kann. Sie wird nämlich a priori bedingt durch die see- lische Beschaffenheit des Spielenden. Auf seiner Weltanschauung, seiner augenblicklichen Stimmung und Tätigkeit beruhen die subjektiven Reize des Spiels. Dagegen bestimmen das Wesen und die Art des Spielgegners oder des Spielobjektes a posteriori die objektiven Reize. Von ihnen hängt ab, welche seelischen Funktionen ausgelöst und beschäftigt werden.

Das Zusammentreffen verschiedenartiger subjektiver und objektiver Bedingungen in einem zeitlichen Moment im Bewuſstsein macht nicht nur erst die komische Empfindung möglich, sondern bedingt auch die verschiedenartige Färbung der Lust. Das Ausschlaggebende ist aber in jedem Fall eine gewisse Unabhängigkeit und Freiheit auf einem Gebiet oder in einer kurzen Zeit. Ohne ein solches Hochstehen über einem gewissen Niveau, sei es im verstandesmäſsigen Erkennen, in der Bildung, in der Herzensgüte u. s. w. ist keine komische Empfindung möglich.

Die Verschiedenheit der zusammentreffenden Bedingungen macht auch die Verschieden- heit der Arten der Komik, ihrer Auffassung im Laufe der Zeit und ihres Wertes