Aufsatz 
Über das Wesen des Komischen
Entstehung
Einzelbild herunterladen

9

Er spielt in seiner objektiven Gestalt bei den successiven, in seiner subjektiven bei den simultanen Kontrasten eine wichtige Rolle. Was nennt man Zufall? Offenbar nichts anderes als die unvorher- gesehene tatsächliche Verwirklichung eines Geschehnisses, das seinen zureichenden Grund in einer anderen Kausalreihe hat. Diese Kausalreihe ist eben von dem Beobachter nicht in Betracht ge- zogen worden. Dals aber etwa ein Zufall im Sinne einer Durchbrechung des Kausalgesetzes vor- handen ist, wehren uns Wissenschaft wie Religion anzunehmen. Wie steht es nun mit dem Zu- fall in der Komik? Mir scheint, die Ahnlichkeit mit dem Tragischen drängt sich wieder auft. Auch hier handelt es sich um folgenschwere, unerwartet aufspringende Ereignisse, die uns unfaſsbar und unerklärlich scheinen. Wir reden in diesem Fall allerdings nicht von Zufall, sondern von Schicksal. Den Zufallskomödien stehen die Schicksalstragödien gegenüäber. Da wir nun sowohl für den Zufall, wie für das Schicksal das verursachende Prinzip in der Erscheinungswelt im Augenblick nicht an- geben können, so nehmen wir gern eine höhere Macht an, die unsichtbar in den tragischen bezw. komischen Verkettungen im Spiele ist. Wir schliefsen von der Analogie des Willens im eigenen Ich, von der menschlichen Absicht auf eine höhere göttliche oder absolute. Die Beobachtung der inneren Erfahrung, dafs in der bewufsten Komik ein Wille das treibende Motiv ist, lälst uns einen solchen auch für die unbewulste Komik der äufseren Erfahrung substituieren. Freilich ge- schieht diese Willenssubstitution bei der Komik zögernder und seltener als bei der Tragik. Es liegt das daran, dafs bei der letzteren das Vorhandensein sittlicher Güter dringender die Annahme einer höheren und absoluten Notwendigkeit fordert. Das Vorhandensein eines objektiv Wertvollen pflegt bei der Komik übersehen zu werden. lmmerhin kennt die Geschichte des Problems der Komik auch eine Metaphysik dieses Begriffs. Die der gemeinen Meinung naheliegende An- schauung sieht im Komischen sogar spafshafterweise ein Werk des Teufels, der überall seine verborgenen Schlingen gelegt habe, um uns einen Schabernack zu spielen. Nach einer anderen Betrachtung handelt es sich darin um eine Betätigung der reinen Subjektivität und Willkür gegenüber der absoluten Substanz, d. h. der ewigen Welt des Idealen, Guten und Wahren. Einige haben im komischen Zufall ein Spiel der Natur sehen wollen, in dem eine unsichtbare Macht die angemalste Hoheit und angebliche Freiheit des Menschen mit Bezug auf eine höhere verspottet und zu Fall bringt. Wieder audere endlich haben es gewagt, auch die Komik auf die Gottheit selbst zu übertragen. Wie Gott gern als ein tragisch kämpfender und schliefslich zum Siege gelangender Held gedacht wird, so wird er hier als ein Wesen hingestellt, das mit sich selbst spielt undStreiche macht. Dafs auch das Volk zu einer solchen Personifikation des Zu- falls neigt, zeigen Wendungenllier hat mir das Schicksal oder die Vorsehung einen Streich ge- spielt u. s. w. Idealer finden wir dieselbe Willensübertragung in der heiteren, freundlich waltenden und leise strafenden Macht eines Shakspere etwa imSturm.

Deutlicher ist der Ursprung der bewulsten Komik. Sie gibt uns in der Tat das Recht, von einer aktiven oder aus geübten Komik zu reden, und somit kann wenigstens ein Teil der in der objektiven Erscheinungswelt vorhandenen Komik mit Hilfe eines berechtigten Analogie- schlusses erklärt werden. Woher Scherz, lustiger Einfall, Streich, Witz und Humor stammen, erfahren wir innerlich selbst. Wir dürfen sie auch bei anderen Menschen als gleich be- gründet betrachten. Wir werden sagen: Überall, wo Lebensfreude und Lebenskraft im UÜberschufs vorhanden ist, da kommt es zur Ausübung der wichtigen Funktionen, die wir unter

obigen Namen in ihren Arten erwähnt haben. ÜOberall, wo der Druck der ernsten und schweren Friedrichs-Realgymn. 1904, 2