Aufsatz 
Über das Wesen des Komischen
Entstehung
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scheinen in der Regel erst dann lächerlich, wenn sie dem Menschen ähnlich sind oder in irgend eine Beziehung zu ihm und seinem Tun treten.

In allen Fällen ergibt sich eine Unterschiebung menschlichen Willens, menschlicher Ab- sichten und Zwecke. Vielleicht kommen auch schon aus diesem Grunde die Sinnesqualitäten des Geruches, des Geschmackes und des Tast- oder Gefühlssinnes für die komischen Eindrücke weniger in Betracht. Diese erste Eigenschaft des Komischen ist um so auffallender als auch der Genuſs desselben augenscheinlich keinem anderen Wesen eigen ist als unsrer Gattung ¹), aber für diese ein wesentliches Merkmal bildet: Es gibt keinen Menschen, der nicht komisch empfinden könnte.

Man mag die zuerst herausgehobene Eigenschaft noch problematisch finden, die zweite springt aber jedenfalls allgemein in die Augen: Wir entdecken auf den ersten Blick nicht viel vorteilhaftes. Das Komische scheint, wenn man den Gegenstand für sich und aus seiner Umgebung isoliert betrachtet, immer etwas minderwertiges zu enthalten: Kleines, Häfsliches, Unproportioniertes, Dummes, Unpraktisches, Zweckloses, Unsittliches, Vergäng- liches u. s. w. Schon die Sprache sagt, dafs wir eine Sache, die wir nicht mehr achten können, komisch finden. Die Verachtung des Komischen, die so vielen Menschen eigen ist, beruht auf unsrer Beobachtung. Sie überträgt sich sogar auf diejenigen, die Komisches hervorbringen: Diseur de bons mots= mauvais caractere.

Schon die Kleinheit an sich, ohne Rücksicht auf ein näher bestimmendes Prädikat, ruft in vielen Fällen Lachen hervor. Kinder, Zwerge, Piccolos, Schusterlehrlinge werden viel leichter komisch wirken als Grofse, selbst wenn diese Gröfse übermäfsig sein sollte. Eine Maus, ein Floh sind Tiere, die man in gewissen Kreisen blofs zu nennen braucht, um eine starke Wirkung zu erzielen. In die Komik des Elefanten, der Giraffe u. s. w. mischen sich schon andere, der Achtung, Furcht, Bewunderung verwandte Empfindungen. Grölse wirkt an sich nicht komisch, sondern nur dann, wenn sie übermäſsig, d. h. einem Typus nicht entsprechend gehalten ist. Ein Vergleich des Riesen Machnow mit der Erscheinung des Erdgeistes im Faust zeigt, dafs Machnows Gröfse allein seine Komik nicht ausmacht. Auch im übertragenen Sinne und in der Kunst wird das Kleine viel eher Stoff zum Lachen bieten als Gewaltiges und Mächtiges. Jede Kleinstadt, Kleinbahn, jede Mundart, überhaupt alles, was noch nicht auf der Höhe steht, mufs sich den Spott gefallen lassen. Für den Dichter, den Maler und den Künstler werden Kleinmalerei, Detail- schilderungen, Nippsachen u. s. w. den besten Stoff zu komischer Wirkung bieten.

Es ist eine alte Erfahrung, die wir hier verkörpert finden: Das Kleine und seine Be- strebungen werden uns nicht so oft unangenehm wie das Groſse. Auch an diesem freuen wir uns, ja viel intensiver, aber eben darum scherzen wir nicht mit ihm. Wir sind viel eher geneigt, mit ihm zu leiden und uns eins mit seinen Absichten zu erklären. Beim Kleinen freut uns gerade, dals es klein bleibt. Darum wird auch dasjenige Kleine, das gern groſs sein möchte, aber aus Mangel an innerer Kraft und Gröfse klein bleibt und sein Ziel nicht erreicht, unfehlbar Lachen erregen. Wichtigtun, Abgeführtwerden und womöglich Prügel erhalten, Aufschneiden und Durch- schautwerden, jeder Clown weiſs diese Mittel zu verwerten.

Von vielen Seiten hat man diese Kleinheit und Nichtigkeit des Komischen als sein wichtigstes Merkmal betrachtet und darum als sein Gegenteil dasErhabene hingestellt.

¹) Die Frage, ob Tiere auch komisch empfind en können, muſs hier unbeantwortet bleiben.