— 4—
Gefahr zu laufen, die Schüler zu Objecten eines gewagten Experimentierens zu machen. Eine zweite Erwägung wird die ſein, ob ein geeignetes Unterrichtsmittel, Lehr⸗ oder Leſebuch, vorhanden iſt, und welchem man von den erſchienenen den Vorzug geben ſoll. Außerdem aber werden der Charakter und die Ziele der Schule zu berückſichtigen ſein, an welcher die neueren Sprachen gelehrt werden, und es wird ſich dabei fragen, ob dieſe Ziele eine ſofortige radikale Aenderung der Methode unbedingt nötig machen. Was den erſten Punkt betrifft, ſo finden die Neuerungen der Reformbeſtrebung noch nicht— wenigſtens in der Praxis noch nicht— den allgemeinen Anklang, der gute Erfolge mit Zuverſicht erwarten läßt. Das Gleiche iſt der Fall mit den bereits zahlreich vorhandenen Lehr⸗ und Leſebüchern, welche die neue Richtung vertreten(vgl. Curt Schäfer, die vermittelnde Methode, Berlin 1885, S. 3), und jemehr derſelben erſcheinen, deſto ſchwieriger iſt es, ein geeignetes zu finden. Zu einer beſſeren Entſcheidung führt vielleicht die genauere Betrachtung der Unterrichtsziele der einzelnen höheren Lehranſtalten, von denen hier das humaniſtiſche Gymnaſium ins Auge gefaßt werden ſoll.
Die Lehrpläne für die höheren Schulen Preußens vom 31. März 1882, mit denen im Weſentlichen die Beſtimmungen für Heſſen und wohl auch für die übrigen deutſchen Staaten übereinſtimmen, geben als Lehraufgabe für das Franzöſiſche an(S. 15):„Diejenige Sicherheit in der franzöſiſchen Formenlehre und den Hauptlehren der Syntax und derjenige Umfang des Wortſchatzes, welche es ermöglichen, franzöſiſche Schriften von nicht erheblicher Schwierigkeit zu verſtehen und die franzöſiſche Sprache innerhalb des durch die Lektüre zugeführten Gedankenkreiſes ſchriftlich ohne grobe Inkorrektheit anzuwenden“. Hierzu kommt in den Erläute⸗ rungen(S. 21) noch als beſondere Forderung:„iRichtigkeit der Ausſprache und Geläufigkeit des Leſens,“ wobei als Notwendigkeit betont wird,„ausdrücklich darauf zu verzichten, daß eine Geläufigkeit im freien münd⸗ lichen Gebrauche der franzöſiſchen Sprache erreicht werde.— Diejenigen Uebungen, welche der Vorbereitung dazu dienen, ſeien jedoch angelegentlich zu empfehlen“. In weſentlicher Uebereinſtimmung hiermit hat ſchon Körting(Ueber den Unterricht im Franzöſiſchen auf dem Gymnaſium in Fleckeiſen's Jahrbüchern, 1870, S. 130) das Lehrziel des Gymnaſiums für unſere Sprache folgendermaßen beſtimmt:„Das Ziel des franzöſiſchen Gymnaſialunterrichtes wird darin beſtehen, daß der Abiturient eine wiſſenſchaftliche Kenntnis der Grammatik beſitzt, in einem einfachen Stile und über ein ihm naheliegendes Thema ſich leidlich richtig auszudrücken ver⸗ ſteht und befähigt iſt, ein franzöſiſches Werk(auch eine claſſiſche Dichtung) geläufig zu leſen. Wird dies erreicht, ſo iſt zugleich in reichlicher Weiſe für das Bedürfnis des praktiſchen Lebens geſorgt worden... Auf Grundlage tüchtiger und mit vollem Bewußtſein erfaßter Kenntniſſe wird ein jeder, wenn ihn Neigung oder Beruf dazu veranlaßt, ſich leicht weiter bilden, die volle Geläufigkeit im ſchriftlichen Ausdrucke und die Sprachfähigkeit ſich erwerben können.“
Das Gymnaſium hat demnach die Aufgabe, ſeine Schüler vor allem in die Litteratur und damit in das Geiſtesleben des uns benachbarten Kulturvolkes einzuführen; in praktiſcher Beziehung jedoch, d. h. im ſchriftlichen und mündlichen Gebrauch der Sprache keineswegs unbedingte Geläufigkeit und Sicherheit zu er⸗ ſtreben, ſondern den Schülern nur eine Grundlage für eine ſpäter etwa nötige Weiterbildung im praktiſchen Gebrauche zu geben, gleichſam den lebensfähigen Keim desſelben in ſie hineinzulegen. Die Förderung der geiſtigen Schulung, der ſogenannten„formalen Bildung“ durch eine entſprechende, auf Urſache und Wirkung zurückgehende, Behandlung der Grammatik, der gerade an einer romaniſchen Sprache beſonders leicht zu er⸗ zielende Einblick in das nach Naturgeſetzen ſich vollziehende Werden und Wachſen einer Sprache, in die Sprach⸗ geſchichte und Sprachphiloſophie(vgl. Körting, a. a. O. S. 127), die Ausbildung und Vervollkommnung der Sprachorgane, die Schärfung des Gehörs, der Aufmerkſamkeit und der Beobachtungsgabe durch die Einübung der der Mutterſprache fremden Laute, bilden einen nebenbei abfallenden, auch nicht gering anzuſchlagenden Gewinn. Selbſtverſtäudlich muß der Anfangsunterricht unter Berückſichtigung der dem Franzöſiſchen im Gymnaſium zu⸗


