Aufsatz 
Der französische Anfangsunterricht im Gymnasium / von Julius Jäger
Entstehung
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Der frauzöſiſche Aenfangsunterricht im Gymuaſium,

von Dr. Julius Jäger.

Auf dem Gebiete des Sprachunterrichts, insbeſondere des Unterrichts in den neueren oder lebenden Sprachen, befinden wir uns gegenwärtig im Stadium einer Umwälzung. Zahlreiche Broſchüren, Ab⸗ handlungen in Zeitſchriften und Programmen, Recenſionen ꝛe. vertreten die Anſicht, daß mit der bisher üblichen Methode der ſogenanntenDonatusmanier gebrochen und eine neue befolgt werden müſſe, welche nicht die geſchriebene, ſondern die geſprochene Sprache zu ihrem Hauptziel machen und ſich mehr der natürlichen Art und Weiſe anſchließen ſoll, wie das Kind ſeine Mutterſprache erlernt. Dabei iſt, wie die neu⸗ ſprachliche Sektion der 37. Verſammlung deutſcher Philologen und Schulmänner zu Deſſau(October 1884) durch Abſtimmung entſchieden hat,im franzöſiſchen(wie im engliſchen) Anfangsunterricht der Leſeſtoff zum Ausgangs⸗ und Mittelpunkt des Unterrichts zu mechen und die Grammatik zunächſt immer induktiv zu be⸗ handeln. Mit dieſen Forderungen ſtellen ſich die Anhänger der neuen Richtung beſonders in Gegenſatz zu dem in den weitverbreiteten Lehrbüchern von Ploetz vorgeſchriebenen Lehrgang, der von einer Anzahl Aus⸗ ſpracheregeln ausgehend nach und nach, teils ſchon in dieſe eingeflochten, teils an dieſelben ſich anſchließend, das Wichtigſte aus Formenlehre und Syntax bringt, dasſelbe durch Ueberſetzen franzöſiſcher und deutſcher für den gerade vorliegenden Zweck gebildeter Einzelſätze einzuüben, und ſo den Schüler, wenn der Ausdruck geſtattet iſt, mehr theoretiſch als praktiſch in die Sprache einzuführen ſucht.*

Angeſichts der gewichtigen, zuͤm Teil mit nicht zu verachtenden Grüuden geſtützten Angriffe gegen den von Ploetz vertretenen Unterrichtsgang wird nun dem Lehrer der neueren Sprachen die Frage immer näher gerückt, welche Stellung er der Reformbewegung gegenüber einnehmen ſoll. Soll er Ploetz, der ſich doch in: ſo vielen Anſtalten eine ſichere Stätte erworben und nicht nur ſchlechte Reſultate erzielt hat, einfach über Bord werfen und dafür eines der neu erſchienenen Lehrbücher ſeinem Anfangsunterricht zu Grunde legen, um von nun an für den Anfang nur ſprachlichen Anſchauungsuuterricht zu treiben? Um dieſe Frage zu beantworten, muß folgendes in Betracht gezogen werden; nämlich man muß ſich doch wohl vor allem darüber vergewiſſern, ob die neue Methode, die ja wohl ſicherlich eine große Zukunft hat, jetzt ſchon in allen Teilen ſo ausgebaut und durch Beobachtungen und Erfahrungen ſo geſtützt iſt, daß man ſie in die Schule einführen kann, ohne

* Vgl. über die verſchiedenen Methoden Münch, zur Förderung des ſranzöſiſchen Unterrichts, Heilbronn 1883, S. 3 ff. 1