Aufsatz 
Ueber die Freude am Unterricht / von H. Jäger
Entstehung
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alſo eine fortwährende Bewegung, ſo wird jeder Teil genau von den andern unterſchieden und die vorhandenen Kräfte in viel vollkommnerer Weiſe und weit längere Zeit hindurch beſchäftigt. Ein beſtimmter, durchweg klarer Eindruck und Freude an der Auffaſſung ſind in dieſem Falle das Er⸗ gebnis. Darauf beruht auch zum großen Teil der Vorzug, den die Zoologie vor der Botanik im Unterricht behauptet. Was in mäßiger Bewegung begriffen iſt, wird am leichteſten unterſchieden. Deshalb erregen die Tiere ſchon viel früher die Aufmerkſamkeit des Kindes, als die Pflanzen, und ſind auch ſpäter aus demſelben Grunde leichter aufzufaſſen. Auf Grund der ſchon ſo früh begonnenen Erfahrungen tritt dann bei Betrachtung lebloſer Tiere oder der Bilder von Tieren, zumal wenn ſie in lebensvoller Stellung ausgeſtopft oder in einer ſolchen abgebildet ſind, an die Stelle der wirklich beobachteten Bewegung die Vorſtellung einer ſolchen, ſo daß, beſonders wenn noch eine lebhafte Schilderung die Anſchauung begleitet, die Unterſcheidung der einzelnen Teile ſchließlich ebenſo leicht fällt, wie bei dem lebendigen Tier.

So verdient auch in der Botgnik die phyſiologiſche Betrachtung der Organe den Vorzug vor der rein morphologiſchen. Und ſo kann es auch nur vorteilhaft auf die Ausbildung der Unter⸗ ſcheidungsfähigkeit einwirken, wenn die Beſchreibung möglichſt zur Erzählung umgewandelt wird.

Noch zwei weitere Kunſtgriffe, die Ausbildung der Unterſcheidungsfähigkeit zu unterſtützen, werden beim Vortrag des Unterrichts⸗Stoffes mit Vorteil angewandt. Die Stoffgruppen, alſo die Elemente je eines konzentriſchen Kreiſes, ſollen, wie ſchon früher angegeben, jede einen ſcharf ausgeprägten Charakter tragen, ſie ſollen individualiſiert ſein. Die Einförmigkeit und das undeutliche, der Stellung im Syſtem nicht entſprechende Verſchmelzen mehrerer Gruppen in einander wird dadurch vermieden.

Um ferner die Unterſcheidungsfähigkeit noch mehr zu ſteigern, muß man dafür ſorgen, Dinge von geringer, noch gerade merkbarer Verſchiedenheit nahe neben einander oder in unmittelbarer Auf⸗ einanderfolge vorzubringen; überhaupt kann mau Kontraſtwirkungen mit Vorteil benutzen, Helles auf dunklem Hintergrunde, ſonſt Undeutliches in greller Beleuchtung zeigen, und dies alles nicht nur in eigentlichem, ſondern auch in übertragenem Sinne. Bei ſolcher Anordnung werden auch ſehr kleine Unterſchiede noch deutlich bemerkt; iſt dies aber einmal geſchehen, ſo werden ſie dann auch unter weniger günſtigen Umſtänden wieder aufgefunden.

Das Unterſcheidungsvermögen bedarf nun auch der Beſchäftigung nach der produktiven Seite hin. Dazu eignen ſich im Anſchauungsgebiete Aufgaben wie die, zwiſchen zwei bisher noch nicht als verſchieden erkannten Dingen Unterſchiede aufzuſuchen. Die naturgeſchichtlichen Klaſſifikationen bieten eine Fülle von Unterſcheidungsaufgaben, und wenn man weiß, welches Vergnügen dem einzelnen die gelungene Beſtimmung einer Tier⸗ oder Pflanzenſpecies bereitet, ſo ſollte man denken, daß durch eifriges Betreiben von. Uebungen im Beſtimmen die Uebelſtände, die ſich beim Betreiben der natur⸗ geſchichtlichen Syſtematik faſt regelmäßig einſtellen, beſeitigt werden könnten. Bisher nämlich pflegt (in der Zoologie weniger, als in der Botanik) alles Intereſſe zu verſchwinden, ſobald von der Be⸗ trachtung einzelner Arten und Gattungen zu dem Syſtem übergegangen wird. Die Belebung des Unterrichts durch Selbſtbeobachtung hört auf dieſer Stufe entweder zum Teil auf, wenn es nänlich nicht möglich iſt, alles Durchzunehmende vorzuzeigen, oder, wenn die Sammlungen ſehr gut verſorgt ſind, ſo lähmt gerade die Maſſenhaftigkeit der Eindrücke das Intereſſe, und ſchließlich wird das meiſte leerer, ſchnell verfliegender Gedächtniskram, weil allein die zuſammenfaſſende Thätigkeit und auch die faſt nur ihrer rezeptiven Seite nach in Anſpruch genommen wird. Könnte dieſe Einſeitigkeit durch eingeflochtene, mit Erfolg betriebene Beſtimmungsübungen wenigſtens in der Botanik ergänzt werden, ſo würde ſich allerdings nur ein viel geringerer Teil des Syſtems durchnehmen laſſen, dieſer würde ſich aber um ſo mehr feſtſetzen, die erzielte, weniger umfaſſende, aber ſichrere, weil ſelbſterworbene Pflanzenkenntnis würde dem darauf folgenden Betreiben der Phyſiologie einen beſſeren Boden be⸗ reiten und es wäre wohl ſogar zu erwarten, daß auch der großen Maſſe der Schüler das ſolcherge⸗ ſtalt durch ſelbſtthätige Unterſcheidung wachgerufene Intereſſe noch außer der Schule bewahrt bliebe. Bis jetzt iſt dies ja nur bei einigen wenigen, durch natürliche Anlage oder durch private Anregung oder durch beides ſehr Begünſtigten der Fall. Allein der Umſtand, daß man Maſen von Schülern gleichzeitig zu behandeln hat, ſtellt dem Betreiben dieſer Uebungen ſo außerordentliche Schwierigkeiten entgegen, es treten ſo mancherlei Unzuträglichkeiten dabei auf, daß in der Regel der Erfolg äußerſt gering und die Freude an ſolchen Uebungen faſt null iſt.

Auf anderen Gebieten kann die produktive Unterſcheidung gefördert werden durch Disputationen, ſei es nun daß in der Lektüre vorkommende angreifbare Behauptungen kritiſiert werden, ſei es daß der Lehrer ſelbſt paradoxe Anſichten aufſtellt, die von den Schülern bekämpft werden. Es paßt dies allerdings im allgemeinen nur für die höchſten Stufen.