Aufsatz 
Ueber die Freude am Unterricht / von H. Jäger
Entstehung
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doch näher. Und ſo iſt denn oft der perſönliche Einfluß der Mitſchüler größer, als der des Lehrers. Es braucht z. B. nur ein den anderen imponierender Schüler Frivolität in eine Klaſſe zu tragen und es wird bald auf alle Wärme und Begeiſterung im Vortrage des Lehrers bei der Mehrzahl nur ein überlegenes Lächeln antworten. Da ferner Stumpfſinn wiſſenſchaftlichen Dingen gegenüber ſich ſehr wohl verträgt mit Eigenſchaften, die von der Jugend ſehr geſchätzt werden und deshalb von großem Einfluß ſind, ſo wirken oft ſolche ſtumpfſinnige, für nichts zu intereſſierende Geſellen lähmend auf die Erregbarkeit ihrer Mitſchüler ein. In beſonders unangenehmer Weiſe zeigt ſich dieſer per⸗ ſönliche Einfluß der Schüler aufeinander in folgendem. Regſame Kinder von guter Gemütsart haben das Bedürfnis, ſolchen, die ihnen freundlich entgegenkommen, die ſich ihnen hülfreich erweiſen, über⸗ haupt ſolchen, von denen ſie einen angenehmen Eindruck empfangen, ſelbſt angenehm zu erſcheinen, und dies zeigt ſich auf dem Gebiete des Unterrichts darin, daß ſie für den Lehrer, dem ſie beſonders zugethan ſind, auch beſonders eifrig lernen. Nun ſind aber in der Maſſe immer ſolche, denen ein ſo zartes Fühlen, wie es ſich in dieſem Verhältnis ausſpricht, fremd iſt und die nun, wenn ſie nicht gerade gänzlich einflußlos ſind, auf die anderen ungünſtig einwirken und dieſes ſchöne Verhältnis untergraben.

Liegen die ſoeben angeführten Hinderniſſe für die Erzeugung der Freude am Unterricht in den Schülern, ſo liegen andere in dem Lehrer. Es iſt nach dem früher Bemerkten klar, daß die un⸗ mittelbare Einwirkung auf die Schüler nur dann möglich iſt, wenn der Lehrer von den Gemütsbe⸗ wegungen, die er in jenen erwecken will, ſelbſt exfüllt wird. Iſt ihm die Thätigkeit des Unterrichtens langweilig, ſo wird er nicht lange auf das Gähnen der Schüler zu warten brauchen; fällt ihm das Lehren beſchwerlich, ſo iſt's auch mit dem Lernen am Ende; und liegt er ſeinem Beruf mit hand⸗ werksmäßiger Gleichgültigkeit ob, ſo darf er ſich nicht wundern, wenn ſeinen Schülern der rechte Eifer fehlt. Mit einem Wort: Soll der Schüler Freude am Unterricht bekommen, ſo muß der Lehrer auch Freude am Unterrichten haben. Wodurch nun dieſe Freude am ÜUnterrichten befördert und durch welche inneren und äußeren Urſachen ſie geſtört wird, dies zu unterſuchen, iſt ſelbſt wieder eine ſo umfaſſende Aufgabe, daß ich darauf verzichten muß, dieſelbe hier weiter zu verfolgen.

Ebenſo laſſe ich unerörtert, welchen Einfluß die körperliche Friſche und Geſundheit der Schüler, die Tages⸗ und Jahreszeit, ferner die Zweckmäßigkeit, Bequemlichkeit und Schönheit der Unterrichts⸗ Räume, der Subſellien und der Lehrmittel auf die Freude am Unterricht ausüben. Möge jedoch der Hinweis auf dieſe Einflüſſe zweiten und dritten Ranges zum Schluß daran erinnern, welch außer⸗ ordentlich große Zahl der verſchiedenartigſten Faktoren bei unſerer Frage berückſichtigt werden müſſen, wenn man mit einiger Sicherheit erkennen will, was für Maßregeln anzuwenden ſind, um wenigſtens das Maß von Freude am Unterricht zu erreichen, das die nur allzu mächtigen entgegenwirkenden Verhältniſſe im günſtigſten Fall zu erreichen geſtatten.