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ob man das Quadrat ſo zeichnen ſoll, daß es richtig iſt, oder ſo, daß es richtig erſcheint. Ein mathematiſch richtig konſtruiertes Quadrat erſcheint nämlich dem menſchlichen Auge falſch und zwar höher, als breit.*) Wichtiger jedoch als dies iſt wohl das folgende. Wie gezeigt wurde, iſt es von größter Wichtigkeit, daß der Schüler gewöhnt werde, nicht bloß veranlaßt durch eine Reihe beſtimm⸗ ter Fragen, die ihm den Gang und die Form der Reproduktion genau vorſchreiben, das Gelernte wiederzugeben, ſondern auch in freier Beantwortung einer unbeſtimmten, allgemein gehaltenen Frage ſelbſt die Elemente richtig zu ordnen. Dadurch erſt wird ſeine Zuſammenfaſſungskraft geübt und ge⸗ ſtärkt, dadurch ſein Bewußtſein ausgeſpannt. Was entſpricht nun beim Zeichnen dieſer unbeſtimmten Frage?— Wie mir ſcheint, die Aufforderung, eine nach einer Vorlage oder nach der Natur gefer⸗ tigte Zeichnung rein aus dem Gedächtnis wiederzuzeichnen. Wenn man ewig nur Vorlagen abzeichnet, ſo iſt man niemals unmittelbar genötigt, ſich die Anordnung der Teile klar zum Bewußtſein zu bringen, und ſo kommt es denn, daß Menſchen von mittlerer Begabung, die z. B. ſchon Dutzende von Pferden fleißig und gut abgezeichnet haben, vor der Aufgabe, einmal ein Pferd frei aus dem Gedächtniß zu zeichnen, ratlos daſtehen. Die Ueberſicht über ſo komplizierte Gebilde, die dann auch zum freien Entwerfen befähigt, kommt eben nicht von ſelbſt, ſondern bedarf der Uebung. Dadurch daß man dies vernachläſſigt und immer nur die unfreie Reproduktion pflegt, führt man aber auch eine Verkümmerung der im früheren Lebensalter noch ſo lebendigen Produktionskraft herbei; denn es bleibt ja zwar neben dem Zeichenunterricht jedem unbenommen, ſich in eigenen Schöpfungen zu ergehen, allein teils wird durch die Nötigung, techniſch ſchwierige und pſychologiſch unerfreuliche Dinge, wie die geradlinigen Figuren ſind, zu zeichnen, überhaupt die Luſt am Zeichnen ſehr vermindert, teils wollen dem Kinde, das durch den Unterricht wohl in der Technik, nicht aber in der Kompoſitions⸗ fähigkeit ſich vervollkommnet hat, ſeine eigenen Produktionen, die hinter den ihm geläuſigen Vorbil⸗ dern weit zurückſtehen, nicht mehr gefallen. So kommt alſo das geiſtbildende Moment in dem Zeichen⸗ unterricht, wie er gewöhnlich betrieben wird, zu kurz. Uebrigens iſt auch dieſe Forderung ſchon lange ausgeſprochen und auch ſtellenweiſe ausgeführt**). Im geographiſchen Zeichnen gilt das Zeichnen von Karten aus dem Gedächtnis wohl allgemein als das zu erſtrebende Ziel.
War bishey nur von der zuſammenfaſſenden Thätigkeit(in rezeptiver wie produktiver Beziehung) die Rede, ſo iſt nun auch deren Gegenſtück, die unterſcheidende Thätigkeit des Geiſtes(gleich⸗ falls in beiden Beziehungen) zu betrachten.
Gerade wie wir ſahen, daß die zuſammenfaſſende Kraft beim Kinde mit den Jahren wächſt und demgemäß zu ihrer genügenden Beſchäftigung immer größere Gruppen nötig werden, ſo nimmt auch die Unterſcheidungsfähigkeit fortwährend zu und erfordert deshalb gleichfalls eine entſprechende Aen⸗ derung der ihr geſtellten Aufgaben. Es iſt eine falſche Meinung, als ob die umgebende Welt auf das Kind als ein chaotiſches Durcheinander einſtürme, in dem es ſich nur mit Mühe zurechtfinde. Vielmehr iſt ſeine Welt von äußerſt einfacher Beſchaffenheit, denn es ſpürt ja nur die allergröbſten Unterſchiede, die feineren exiſtieren für es noch nicht. Erſt allmählich differenziert ſich ſein Empfinden, und ſeine Welt wird vielgeſtaltiger. Was ergibt ſich daraus für die Pädagogik?— Jene Gruppen, in die der Unterrichts⸗Stoff zerſchnitten werden ſoll, dürfen anfangs alles nur in groben Zügen bringen. Geht man ſofort auch zu feineren über, ſo bereitet man dadurch dem Kinde Schwierigkei⸗ ten, die es entweder gar nicht oder nur mit größter Anſtrengung und jedenfalls ohne Freude über⸗ windet. Man täuſcht ſich hier in dem Zuläſſigen ſehr leicht, weil es dem Erwachſenen ebenſo ſchwer fällt, ſich in die Lage eines Kindes von ſo geringer Unterſcheidungsfähigkeit zu verſetzen, als etwa einem in Bezug auf Farbenunterſcheidung normal Ausgebildeten, ſich ein Bild von den Empfindungen eines Farbenblinden zu machen.(So hat man auch im Sprachunterricht anfangs die Ausnahmen von den Regeln wegzulaſſen.) Von größter Wichtigkeit iſt es ferner, ſich zu erinnern, daß dauernde Eindrücke nach einiger Zeit unter die Schwelle des Bewußtſeins ſinken. Das Brauſen des Waſſer⸗ falls, der Pendelſchlag der Uhr und das Klappern des Mühlrads werden ja bekanntlich bald nicht mehr gehört und nur ihr plötzliches Aufhören kommt zum Bewußtſein. Aus dieſem Grunde iſt es auch ganz vergeblich, einen ruhenden Gegenſtand, etwa ein Modell, ein ausgeſtopftes Tier oder eine Landkarte längere Zeit ſtumm betrachten zu laſſen. Ein höchſt unbeſtimmter Eindruck iſt das Er⸗ gebnis dieſes Verfahrens. Setzt man dagegen das Modell vor den Augen der Schüler aus ſeinen Teilen zuſammen oder zerlegt es allmählig in dieſe, hat man ſtatt des ausgeſtopften ein lebendiges Tier, deſſen Glieder man ſich bewegen läßt, und zeichnet man die Karte an die Tafel, erzeugt man
*) Vgl. Wundt, Phyſiologiſche Pſychologie, II., 96. **) Vgl. den Artikel„Zeichnen“ in Schmid's Encyclopädie.


