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Unterrichts. Hinter den anderen europäiſchen Kulturvölkern zurückgeblieben, haben wir noch das gotiſche, ſ. g.„deutſche“ Alphabet beibehalten und ſo muß denn unſere Jugend außer den ſchönen, klaren lateiniſchen Buchſtaben auch noch dieſe krauſen, undeutlichen Zeichen, denen„alle Knochen im Leibe zerſchlagen ſind“, mühſelig erlernen.“*) Hoffentlich ſind die Aerzte“**) in ihrem Bemühen, dieſe Quelle der Augenverderbnis zu verſtopfen, glücklicher, als es die Philologen bisher waren. Ein wei⸗ terer Grund der Ueberbürdung würde damit wegfallen.
Es liegt nahe, hier auch an die trotz der neueren Vereinfachungen doch immer noch dem Er⸗ lernen außerordentlich viel unnötige Schwierigkeiten bereitende Orthographie ſich zu erinnern. Welche Aufgabe iſt es doch für das Kind, ſich zu merken, daß der F⸗Laut das eine Mal durch f, das andere Mal durch v und das dritte Mal durch ph bezeichnet wird! Oder darf man ſich wundern, wenn ein Junge, dem bekannt iſt, daß der K⸗Laut bisweilen durch den Buchſtaben g bezeichnet wird, nun Quegſilber ſchreibt? Was für eine Regel gibt es ferner, nach der er behalten ſoll, wenn gar kein Dehnungszeichen eintritt, wann als ſolches die Verdoppelung des Vokals, wann ein e und wann ein h gebraucht wird, und dann wieder, wann dieſes h vor dem zu dehnenden Vokal oder hinter ihm oder an einer dritten Stelle ſteht, und dergl. mehr?!(Man vergleiche z. B.: klar, baar, Gefahr, mir, hier, ihr, Thor, Rohr, Thräne.) Doch es iſt dies alles ſo vorzüglich in den unten“***) ange⸗ führten Schriften auseinandergeſetzt, daß ich mich damit begnügen kann, darauf zu verweiſen.
Wir gehen nun über zu einem weiteren, der Freude am Unterricht nicht günſtigen Umſtand, der von großer Wichtigkeit iſt. Bisher war noch nie die Rede von dem Lehrer. In ſeiner Eigen⸗ ſchaft als Menſch hat auch er ſeine Fehler und Mängel, und es verſteht ſich von ſelbſt, daß dadurch gleichfalls die Erzeugung der Freude am Unterricht erſchwert wird. Die Erkenntnis der individuellen Verſchiedenheiten der Schüler und der wieder in jedem einzelnen ſtattfindenden ſteten Aenderungen der Auffaſſungskraft lehrt, welche Schwierigkeiten der Lehrer zu überwinden hat.„Da wird bald nötig, die verſchiedenen Thätigkeiten während des Unterrichtes, das Aufnehmen und das Wiedergeben u. a. m. in beſtimmte Reihenfolge zu bringen, bald die ſtetige Vertiefung des zuſammenhängenden Vor⸗ trags durch katechetiſchen Verkehr zu unterbrechen, bald runde und gedehnte Sprache an die Stelle der accentuierten Kürze treten zu laſſen, die Hülfe der bildlichen und übrigen Anſchauungsmittel bald in den Vordergrund, bald zurückzuſtellen, die Mitwirkung einzelner Schüler bei der ganzen Unterrichts⸗ arbeit aufzurufen oder fallen zu laſſen, bald Epiſoden einzuſchalten, bald in ſtrenger Fortſchreitung, bald ſucceſſiv, bald discurſiv das vorliegende Feld zu durchlaufen, hier dogmatiſch, dort heuriſtiſch, dort„kalkulierend“ das Neue zum Eigentum des Schülers zu machen, und das alles je nach Be⸗ dürfnis mehr oder weniger bei der analytiſchen, wie bei der ſynthetiſchen, wie bei der genetiſchen Methode.“***) Wo aber iſt der Mann, der da immer das Richtige träfe und der ſtets die Leben⸗ digkeit und Beweglichkeit beſäße, die nötig iſt, um allen jenen Forderungen zu genügen!
Alle bis jetzt angeführten Umſtände beziehen ſich nur auf die Thätigkeit in der Schule. Aber auch außer derſelben wirken mancherlei Umſtände der Freude am Unterricht entgegen. Vielen Schü⸗ lern, die ſonſt ganz gern dem Unterricht folgen, wird die Freude daran verkümmert durch die häus⸗ lichen Aufgaben. Es ſcheinen mir drei Umſtände zu ſein, die hierbei in Betracht kommen. Zunächſt wirkt natürlich das Uebermaß ſolcher Arbeiten ungünſtig ein. Ueber dieſen Punkt enthält die Ueber⸗ bürdungslitteratur bereits ſo viel, daß ein einfacher Hinweis genügt. Ein zweiter Umſtand iſt der, daß ſich mit den mündlichen Hausaufgaben bei Schülern, die entweder von Natur ängſtlich ſind oder die durch mehrfache trübe Erfahrungen ängſtlich geworden ſind, das quälende Gefühl der Sorge ver⸗ bindet. Ein davon geplagter Schüler kommt in ſeiner Aufregung nicht eher zu einer ruhigen Hin⸗ gabe an den Unterricht, als bis in der betreffenden Stunde die Aufgaben erledigt ſind. Nach der Beſeitigung der viel Kraft verbrauchenden Sorge, die ihn bis dahin beunruhigt hat, bedarf er nun eigentlich der Ruhe und iſt deshalb in dieſem Gemütszuſtand wenig geeignet zur richtigen Teilnahme am Unterricht. Sehr nervöſe Kinder werden ſogar häufig ſo ſehr von der Sorge beherrſcht, daß ſie dann, wenn ſie nun in der Schule aufgerufen werden, trotz aller Mühe nur dummes Zeug zu Tage fördern und dadurch erſt recht in Aufregung geraten. Beſonders verſchlimmert wird dieſer Uebelſtand
*) Leider war es nicht möglich, die vorliegende Abhandlung in Antiqua zu drucken.
**) Vgl. das ärztliche Gutachten über das höhere Schulweſen Elſaß⸗Lothringens, ferner das Gutachten des ärztlichen Zentralausſchuſſes im Großherzogtum Heſſen(November 1882) und den gutächtlichen Bericht der Kommiſſion zur Prüfung der Frage der Ueberbürdung im Großh. Heſſen.(Dezember 1882.)
***) F. W. Fricke, Die Orthographie, 1877;— M. Kleinert, Die Reform der deutſchen Schreibung, 1877;— Reform, Zeitſchrift des allgemeinen Vereins für vereinfachte deutſche Rechtſchreibung, 1877—82. 3
****) Stoy, Encyclopädie, Methodologie und Literatur der Pädagogik. S. 78 f.


