— 17—
bürdungslitteratur ſchon zur Genüge geſchehen iſt. Nur das ſollte hier feſtgeſtellt werden, daß das Nichtſitzenlaſſen, alſo das Nichtabwarten der Vollendung der dauernden Anpaſſung, häufig eine Urſache der Ueberbürdung iſt.
Bei alledem ſoll nicht verkannt werden, daß das Hinarbeiten auf eine dauernde innere Verän⸗ derung auch ſehr bedenkliche Seiten hat. Einmal kann es leicht dazu kommen, daß das betreffende Individuum ſchließlich weder in der Richtung, die ſeiner urſprünglichen Anlage entſpricht, noch auch in der anderen, die ihm aufgedrungen wurde, etwas zu leiſten im ſtande iſt. Wie ferner auf ſeiten des Körpers die Atrophie eines Organs die richtige Funktionierung der anderen ſtört, ſo darf man wohl auch für die geiſtige Seite ohne genaueren Nachweis annehmen, daß durch Unterdrückung einer Thätigkeitsrichtung die anderen beeinträchtigt werden. Jedenfalls aber— und darum handelt es ſich hier zunächſt— iſt die Zeit, während welcher die Anpaſſung ſich vollzieht, notwendigerweiſe eine freudenleere, in der viel Kraft verbraucht wird, die in anderen Verhältniſſen nutzbringender ange⸗ wendet werden könnte.
Solche Geſchöpfe, die einerſeits für die gegebenen Unterrichtsgegenſtände nichts übrig haben und bei denen andererſeits ſchon eine Verkümmerung ihrer urſprünglichen Anlagen eingetreten iſt, ſind es, die ſchließlich an keinerlei geiſtigem Thun mehr Freude zeigen und die jede Gelegenheit be⸗ nutzen, ſolchen Beſchäftigungen ganz aus dem Wege zu gehen. Dieſe ſind es dann, die der häufig ausgeſprochenen Anſicht, daß den Menſchen urſprünglich das Nichtsthun am meiſten erfreue, als Be⸗ legſtücke dienen müſſen. Wäre wirklich dem Menſchen die Trägheit, worüber ſo viel gejammert wird, angeboren, ſo müßte allerdings die hier vertretene Anſicht aufgegeben werden. Denn nach dieſer hat ja gerade im Gegenteil der Menſch ein ſtetes Streben nach größtmöglicher Thätigkeit. Es iſt jedoch leicht zu zeigen, daß Erſcheinungen, wie die eines nach Unbeſchäftigtheit ſich Sehnenden, der hier vor⸗ getragenen Theorie durchaus nicht widerſprechen. Die Größe des Thätigkeitsdrangs richtet ſich genau nach der Größe der zur Verfügung ſtehenden Kraft; wird dieſe zu Null, ſo hört natürlich auch jener Drang auf. So iſt alſo das Ruhebedürfniß ein ſpezieller Fall der Theorie.
Häufig findet aber auch vollſtändige Unthätigkeit nur deshalb ſtatt, weil zwar Kraft vorhanden
iſt, dieſe aber in Bahnen ſich zu äußern ſtrebt, die durch äußere Hinderniſſe geſchloſſen ſind. Werden dieſe weggeräumt, iſt z. B. die Schule geſchloſſen, ſo kann man häuſig an den ſcheinbar beſten Bei⸗ ſpielen für die Theorie der allgemeinen Trägheit die Freude an ausgiebiger Beſchäftignng beobachten. Vor einer halben Stunde ſaß der Betreffende noch ſtumpfſinnig da, teilnahmlos die eleganteſten mathematiſchen Beweiſe oder die feinſten grammatiſchen Auseinanderſetzungen über ſich ergehen laſſend, gleichſam nur als ein phyſikaliſcher Apparat, der notwendigerweiſe auf gewiſſe optiſche und akuſtiſche Eindrücke reagiert. Nun aber thront er hoch auf dem Kutſchbock und lenkt mit ſicherer Fauſt, ganz Aufmerkſamkeit und Eifer, die ſchäumenden Roſſe. Oder er hilft, eine wahrhaft fieberhafte Thätig⸗ keit entwickelnd, den Wagen anſchirren; da iſt ihm keine Mühe, keine Anſtrengung zu viel, kein Riemen, keine Schnalle entgeht ſeinem ſorgſam prüfenden Blick, ſeiner ordnenden Hand. So gibt's ja auch beim Vorhandenſein disponibler Kraft keine größere Qual, als zur Unthä⸗ tigkeit verdammt zu ſein, und ſelbſt das, was das„ſüße Nichtsthun“ ſo ſüß macht, was iſt es anders, ds ſeübſ wieder eine Thätigkeit, das Verfolgen der von der regſamen Phantaſie hervorgezauberten Gebilde?—
Doch, um den Faden der eigentlichen Unterſuchung wieder aufzunehmen, ſo hat ſich alſo er⸗ geben, daß die Freude am Unterricht erſt durch den Maſſenunterricht, nun durch die Disharmonie zwiſchen Anlagen und Unterrichtsgegenſtänden auf immer kleinere Bezirke eingeſchränkt wird. Und damit nicht genug findet man leicht noch andere Verhältniſſe, die ebenfalls die Freude verkümmern müſſen. So kommen nach unſeren Geſetzen alle Kinder mit 6 Jahren in die Schule. Für viele iſt das zu früh und ſie werden deshalb gleich von vornherein zu ſtark angeſtrengt.
Ferner wird immer allgemeiner anerkannt, daß die Mathematik ein Fach iſt, das zu ſeiner er⸗ folgreichen Bewältigung einen viel gereifteren Verſtand, eine viel größere Ueberſchauungskraft erfor⸗ dert, als normal beanlagte Kinder des Alters, in dem nach unſeren Lehrplänen die Mathematik be⸗ gonnen wird, beſitzen. Es iſt eine ganz allgemeine Erſcheinung, daß den meiſten Schülern dieſes Fach, auch wenn es ſich in den Händen des vorzüglichſten Lehrers befindet, einen Abſcheu erregt, der meiſt das ganze Leben hindurch anhält, während Leute, die in ſpäteren Jahren entweder ganz neu oder nach langer Unterbrechung wieder einmal an die Elemente kommen, ſich mit dieſen ſehr gern und erfolgreich beſchäftigen. Warum verlegt man alſo nicht das Betreiben der Mathematik ganz in höhere Klaſſen?! Sicherlich würde man verhältnißmäßig mehr erreichen.
Auch noch andere Umſtände, denen abzuhelfen wäre, bedingen eine überflüſſige Erſchwerung des


