Aufsatz 
Ueber die Freude am Unterricht / von H. Jäger
Entstehung
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höhere ſoziale Stellung entweder wirklich einnehmen oder doch einzunehmen wünſchen. Geſchieht dies nur aus Standeseitelkeit oder überhaupt aus Ehrſucht, ſo iſt es gewiß zu verurteilen. Allein es iſt dies doch nicht immer der Grund. Wie die Verhältniſſe nun einmal liegen, iſt die Behandlung der Schüler in den Elementarſchulen der tieferen Kulturſtufe der niederen Volksſchichten angepaßt und dies ſowohl, wie auch namentlich der Umgang mit den Mitſchülern wirkt Ausnahmen natürlich nicht ausgeſchloſſen verrohend auf feinere Elemente ein. Seine Kinder und ſeine ganze Familie aber vor dem nun in der Regel eintretenden. Zwieſpalt zwiſchen häuslicher und öffentlicher Erziehung zu bewahren, iſt gewiß ein nicht unberechtigter Wunſch. Gar manche vernünftige Eltern, die frei von falſchen Beweggründen ihre entweder überhaupt oder ſpeziell für das Betreiben der Wiſſenſchaften ſchlecht beanlagten Kinder in die Elementarſchule ſchickten, mußten die daraus erwachſenden Unan⸗ nehmlichkeiten bitter empfinden. Da eben die Schulen nur auf die verſchiedenen Grade der Unter⸗ richtbarkeit, nicht aber auf die ebenſo verſchiedenen Grade der Erziehbarkeit Rückſicht nehmen und nach ihrer jetzigen Einrichtung auch nur darauf Rückſicht nehmen können, ſo ſieht ſich oft gerade der einſichtige Vater, der in der unangenehmen Lage iſt, unbegabte Kinder zu beſitzen, in die mißlichſte Lage verſetzt.

Es fragt ſich nun, ob nicht Mittel ausfindig gemacht werden können, die dieſem Uebelſtande, daß nicht jeder einen der Qualität ſeiner Anlagen und Neigungen entſprechenden Unterricht genießen kann, abzuhelfen im ſtande ſind. Man könnte daran denken, mehr Unterrichtsfächer fakultativ zu machen und die freie Zeit, die dadurch für die Dispenſierten gewonnen wird, durch Repetitionen vder andere Beſchäftigungen auszufüllen. Da nun aber hierbei ſowohl das Ziel des Unterrichts über⸗ haupt, als auch der Zuſammenhang und die gegenſeitige Unterſtützung der einzelnen Fächer unter einander in Betracht kommen, ſo bedürfte dieſe Frage offenbar einer ſehr eingehenden Unterſuchung, die uns hier zu weit führen würde. Wenden wir uns lieber, ſtatt ein erſt noch zu ſchaffendes Mittel zu erörtern, der Betrachtung eines bereits exiſtierenden, unmittelbar aus der Natur des Menſchen entſpringenden Umſtandes zu.

Früher ſchon wurde die vorübergehende Anpaſſung als ein der Erzeugung der Freude förderlicher Umſtand erwähnt; diesmal iſt es die dauernde Anpaſſung, die einige Abhülfe ver⸗ ſpricht. Nämlich wenn der Menſch gezwungen wird, längere Zeit hindurch Bahnen einzuſchlagen, die ſeinen Anlagen urſprünglich nicht entſprechen, ſo findet in der Regel eine dauernde Aenderung und Verſchiebung ſeiner Kräfte ſtatt, ſo daß gewiſſermaßen ein neues Organ für die betreffenden Thätig⸗ keiten ausgebildet wird. Dieſes ſtrebt dann natürlich auch nach Beſchäftigung und ſo iſt die Be⸗ dingung zur Entſtehung von Freude gegeben. Erleichtert wird die Anpaſſung dann, wenn zugleich dafür geſorgt wird, daß in anderen Richtungen, die ſich mit der gewünſchten gar nicht oder nur ſchwer vereinigen laſſen, keine Thätigkeit mehr ſtattfindet; dann tritt gewöhnlich nach dieſer Seite hin eine Organverkümmerung ein und es macht ſich dann auch ein viel geringeres Bedürfnis nach Beſchäf⸗ tigung in dieſer Richtung geltend.

. Da alle ſolche Veränderungen viel Zeit erfordern, ſo iſt es ganz natürlich, daß derart unglück⸗ lich veranlagte Individuen, die aus irgendwelchen Gründen in der Schule bleiben ſollen, einer viel längeren Einwirkung von ſeiten der Schule ausgeſetzt werden müſſen, daß es nötig iſt, ſie ſitzen zu laſſen. Denn ſie ſollen ja nicht nur das Penſum der Klaſſe bewältigen, ſondern ſich auch noch inner⸗ lich umgeſtalten, oder es ſoll doch eine in höherem Alter ſich von ſelbſt einſtellende Stärkung der Geiſteskraft abgewartet werden. Werden in Verkennung dieſer Verhältniſſe die Schüler aus einer Klaſſe in die andere mit Ach und Krach fortgeſchleift, ſo wird es immer weniger möglich, Freude am Unterricht zu erwecken. Dieſe Unglücklichen müſſen ſich übermäßig anſtrengen, ohne daß deswegen dem an ſein Penſum gebundenen und die Rückſicht auf die normalen Schüler nicht hintanſetzenden Lehrer ein Vorwurf gemacht werden könnte; außerdem werden die paar noch frei bleibenden Brocken von Zeit durch Privatunterricht verſchlungen, bis denn endlich das abgehetzte Kind zuſammenbricht. Dieſer Urſache der Ueberbürdung kann nur durch Sitzenbleiben abgeholfen werden, und die Anwend⸗ ung dieſes Mittels iſt um ſo nötiger, als das Vorhandenſein einer großen Zahl nicht genügender Schüler in einer Klaſſe einen ſehr ungünſtigen Einfluß auf die Unterrichtsmethode ausübt. Um näm⸗ lich nicht alsbald dieſe Ungenügenden fallen laſſen zu müſſen und doch etwas mit ihnen zu erreichen, verfällt der Lehrer auf dasDrillen, auf das mechaniſche Einpauken und unendliche, einförmige Wiederholen des Lernſtoffes. Dabei iſt dann alle freie Selbſtthätigkeit ausgeſchloſſen, das Gedächt⸗ nis wird übermäßig und die anderen Geiſteskräfte werden, weil ſie eben bei einem großen Teil der Klaſſe zu ſchlecht entwickelt ſind, bei dem andern Teile viel zu wenig in Anſpruch genommen. Doch es iſt nicht nötig, die Folgen dieſer Methode noch ausführlicher darzulegen, da dies ja in der Ueber⸗