Aufsatz 
Ueber die Freude am Unterricht / von H. Jäger
Entstehung
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einer Klaſſe zuſammenkommen läßt, ſo werden auch die Einwirkungen des Unterrichts auf die einzelnen Schüler eine nicht unbedeutende Aehnlichkeit zeigen.

Zweitens beſitzt jeder Menſch und zumal der noch nicht fertig ausgebildete das Vermögen der Anpaſſung. Es fällt im allgemeinen nicht ſchwer, vorübergehend, alſo für kurze Zeit, eine über das gewöhnliche Maß hinausgehende Produktion von Kraft hervorzurufen oder die vorhandenen Kräfte in einer ungewohnten Richtung ſich bethätigen zu laſſen.

Was endlich den dritten günſtigen Umſtand anlangt, ſo wird dieſer vielleicht am deutlichſten, wenn zuvor die entſprechenden Verhältniſſe, wie ſie ſich auf dem Gebiete der Aeſthetik finden, ange⸗ führt werden. Es iſt eine ganz gewöhnliche Erſcheinung, daß bedeutende Kunſtwerke Leute der ver⸗ ſchiedenſten Bildungsſtufen entzücken, und zweitens, daß ſie ihre Anziehungskraft Jahrhunderte hin⸗ durch bewahren. Wie verträgt ſich das mit der oben in Verfolgung des Prinzips der größten Leiſtung aufgeſtellten äſthetiſchen Theorie? Dies erklärt ſich auf folgende Weiſe.Gerade die bedeutendſten Kunſtwerke ſind bis in's Einzelne durchgearbeitet. Bei oberflächlicher Auffaſſung kann daher ſchon durch das leicht Aufzufaſſende, ſei dies nun der Aufbau des Ganzen oder ſei es eine Reihe von Einzelheiten, das höchſte Wohlgefallen erzeugt werden, während das höher gebildete Auffaſſungsver⸗ mögen durch die von dem weniger gebildeten nicht bemerkten Feinheiten und höheren Einheitsbezüge befriedigt wird. Ebenſo hat man dies gilt für den zweiten Punktbei der erſten Auffaſſung mit der Bewältigung der Hauptſache genug zu thun und es bleibt deshalb noch Stoff genug für wiederholte Betrachtungen, durch die man immer mehr die Mannigfaltigkeit im Einzelnen und deſſen geiſtreiche Verknüpfung zu einem Ganzen kennen lernt*).

Ganz ähnlich wie mit Kunſtwerken verhält es ſich nun auch mit vielen Erzeugniſſen des wiſſen⸗ ſchaftlichen Denkens. Sie befriedigen verſchieden hoch geſtellte Anſprüche, wenn einmal die Haupt⸗ ſache leicht verſtändlich dargelegt wird, daneben aber noch Ausführungen und Erweiterungen ſchwie⸗ rigerer Art gegeben werden. So kann auch der Vortrag des Unterrichtsſtoffes, indem er ſich nach den Kräften der Minderbegabten richtet, doch durch dazwiſchen eingeſtreute Andeutungen, durch Hin⸗ weiſung auf damit zuſammenhängende Probleme und kleinere Exkurſe in höhere Regionen auch Geiſtes⸗ ſtärkeren genügende Beſchäftigung und Anregung zum Nachdenken gewähren. Laſſen ſich alſo beim Vortrag des Unterrichts⸗Stoffes die verſchiedenen Stufen der aufnehmenden Kraft, der Rezeptivität, berückſichtigen, ſo iſt dies in noch höherem Grade bei der weiteren Verarbeitung des Unterrichts⸗ Stoffes durch die ſchaffende, die produktive Kraft möglich, indem nämlich Aufgaben gegeben werden, bei denen entſprechend den verſchiedenen Stufen dieſer Kraft verſchiedene Löſungen vorgeſehen ſind. Bei Aufſätzen iſt dies ja eine alte Praxis, die allerdings vielfach in dem Beſtreben, den Aufſatz zu einer nur allzu gründlich vorbereiteten Reproduktion zu machen, verlaſſen worden iſt.

Es iſt demnach auch im Maſſenunterricht einigermaßen möglich, die Individualität zu berück⸗ ſichtigen und ſomit Freude zu erzielen, natürlich um ſo eher, je kleiner die Schülerzahl iſt. Ja es iſt ſchließlich noch zu bemerken, daß unter beſonders günſtigen Umſtänden der gemeinſame Unterricht in ſehr kleinem Kreiſe luſtvoller ſein kann, als der Einzelunterricht. Sind nämlich nur drei oder vier Schüler zuſammen, die ſich an Kraft ſo ziemlich gewachſen ſind, ſo wird durch die Unterſchiede in deren ſpezieller Beanlagung die Behandlung des Unterrichts⸗Stoffes für jeden einzelnen intereſſan⸗ ter, vorausgeſetzt, daß ihre Selbſtthätigkeit ſo viel wie nur irgend möglich in Anſpruch genommen wird. Die Gedanken des einen regen die andern zum Widerſpruch oder zur Erweiterung an; faßt jener eine beſtimmte Aufgabe in der ſeiner Begabung entſprechenden Weiſe an, ſo thun dieſe das Gleiche in ihrer Weiſe und der Austauſch des jedem Eigentümlichen bringt eine entſprechende Er⸗ weiterung des geiſtigen Horizonts aller mit ſich. Die Abwechslung aber und die größere Reichhal⸗ tigkeit erhöhen den Genuß, während doch die Nachteile des gemeinſamen Unterrichts kaum je hervor⸗ treten können, denn die Pauſen, die in der Thätigkeit eines jeden eintreten müſſen, da nicht immer alle zugleich beſchäftigt werden können, ſind bei einer ſolch geringen Zahl ſo kurz, daß ſie wohl zu relativer Erholung dienen können, nicht aber Langweile und Zerſtreutheit hervorrufen.

Immerhin iſt in der Regel der Einzelunterricht geeigneter, Freude zu erwecken, und man ſollte deshalb nicht ſo ohne weiteres ſich mit den gegenwärtig beſtehenden Verhältniſſen zufrieden geben, vielmehr in Erwägung ziehen, ob nicht dem Einzelunterricht oder wenigſtens dem Unterricht kleinerer, gut harmonierender Gruppen von Schülern in unſerem Schulorganismus eine Stätte gewährt werden könne. Einzelunterricht und gemeinſchaftliche Erziehung ſchließen ſich ja nicht aus; der Vorteile die⸗ ſer letzteren geht man alſo damit keineswegs verluſtig. Da ferner im Einzelunterricht, abgeſehen

*) S. meine oben angeführte Abhandlung S. 426.