Aufsatz 
Ueber die Freude am Unterricht / von H. Jäger
Entstehung
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vidualität unmöglich macht, negativ ſchädlich ein, ſondern er führt auch poſitive Nachteile mit ſich, nämlich durch die Einwirkung der Schüler aufeinander. Man führt als Vorzug des Maſſenunterrichts an, daß träge und nachläſſige Schüler, wenn ſie in beſſerer Umgebung ſich befinden, teils unwillkür⸗ lich, teils von Ehrgeiz getrieben, mehr Eifer bekommen und dann auch mit mehr Erfolg am Unter⸗ richt teilnehmen. Allein dies gilt nur von ſolchen, die aus Mutloſigkeit oder weil ſie gewohnt waren, ihre Kräfte in anderen Richtungen zu bethätigen, ſich träge erwieſen, denen aber die nötigen Anlagen nicht mangeln. Für die Unbeanlagten dagegen, die unter den Zurückbleibenden doch immer die größere Zahl bilden, gilt es nicht; denn was hilft es, wenn man einen Dummen zwiſchen zwei Geſcheite ſetzt? Geſcheiter wird er dadurch nicht. Er gibt ſich wohl möglichſt viel Mühe, angeſtachelt durch das Beiſpiel der Nachbarn, ruiniert ſich aber vielleicht ſeine ganze Zukunft durch ſolchenRaubbau auf dem mageren Felde ſeiner Begabung. Außerdem ſteht dieſem Vorteil des Maſſenunterrichts durch Einwirkung des guten Beiſpiels der Nachteil durch Einwirkung des ſchlechten gegenüber, und es fragt ſich ſehr, welcher Einfluß der überwiegende iſt. Daß der Nachbar ſpielt, iſt ſehr oft den Umſitzenden intereſſanter, als das, was im Unterrichte gerade vorkommt; und ſo iſt die Unaufmerkſamkeit häufig nicht Mangel an der Thätigkeit aufzumerken, ſondern falſch gerichtete Aufmerkſamkeit.

Auch ſonſt ſind die Einwirkungen der Schüler aufeinander meiſt von der Art, daß ſie ein Zu⸗ ſtandekommen der Freude am Unterricht ſehr erſchweren. Durch das Zuſammenſein werden gewiſſe ſoziale Eigenſchaften unter den Schülern entwickelt und ſo auch eine Moral ausgebildet, deren Vor⸗ ſchriften entſprechend der niederen Entwickelungsſtufe, auf der das Kind noch ſteht, mit denen der Moral der Erwachſenen nicht übereinſtimmen. Wie bei vielen wilden Völkern die Beraubung eines dem eigenen Stamme Angehörigen für ein Verbrechen, die an einem Fremdling ausgeführte dagegen für eine Heldenthat gilt, wie noch der Grieche des Altertums den Begriff des Unrechts, auf dieBar⸗ baren angewendet, in viel engere Grenzen einſchloß, ſo iſt auch nach der Schülermoral dem nicht der Schülergemeinde Angehörenden, alſo dem Lehrer gegenüber vieles erlaubt, was ſonſt ſtreng ge⸗ ahndet wird. Wo hat man je gehört, daß ein Schüler, der ſeinen Lehrer in Schulangelegenheiten betrogen hat, deshalb von ſeinen Mitſchülern ſchlecht behandelt worden ſei? Bewunderung zollt man ihm. Daß dagegen einer verfolgt wird, der einen Mitſchüler nicht unterſtützt hat, wenn dies auch nur in betrügeriſcher Weiſe möglich war, iſt eine alltägliche Erſcheinung. So beherrſchen die von den Wortführern des Schülervolks aufgeſtellten und mit den jugendlichen Gemütern ſehr ein⸗ leuchtenden Gründen unterſtützten Anſichten die ganze Maſſe. Ich bemerke ausdrücklich, daß ich hier durchaus nicht beabſichtige, dieſe Verhältniſſe vom ethiſchen Geſichtspunkte aus zu beurteilen, ſondern daß es mir hier nur auf die Darlegung ihres Beitrags zur Verhinderung der Freude am Unterricht ankommt, wie ich ja hier überhaupt nur den gemeinſamen Unterricht, nicht die gemeinſame Er⸗ ziehung beſpreche.

Was nun das Abſchreiben, Vorſagen, die Unſelbſtändigkeit in Bearbeitung der häuslichen Auf⸗ gaben betrifft, ſo iſt deren Einfluß offenbar; entweder werden dieſe Täuſchungen entdeckt und geben dann zu Strafen Veranlaſſung, oder ſie bleiben unbemerkt und vereiteln die Bemühungen des Lehrers, die Schüler zur Selbſtthätigkeit anzuregen; denn nur dieſe kann Freude bereiten. Zur Selbſtthätig⸗ keit werden aber die von anderen unterſtützten Schüler von Tag zu Tag unfähiger. Ferner werden vielerlei Unarten, wozu der einzelne nicht den Mut hat oder woran er vielleicht nicht einmal denken würde, in Geſellſchaft häufig verſucht. Den Lehrer zu ärgern, was im Einzelverkehr kaum jemals Reiz hat, wird ſo für gar manchen zum Genuß; damit iſt aber der Genuß am Unterricht unverträg⸗ lich. Auch der falſche Ehrgeiz mit ſeinem Gefolge übler, den Charakter verderbender Handlungen, iſt ein kaum je ausbleibender Begleiter der gemeinſamen Unterweiſung.

Aus allem geht hervor, daß der Maſſenunterricht es unmöglich macht, dem Prinzip der größten Leiſtung, von deſſen Erfüllung die Freude abhängt, vollſtändig zu entſprechen. Iſt damit alſo die neſiching beendigt? Muß man die Erzielung der Freude am Unterricht als unerreichbares Ideal aufgeben?

3 Man muß wohl auf die jedesmalige Erzielung der größten, aber damit noch nicht aller Freude verzichten; denn wenn man dem genannten Prinzip auch nicht vollſtändig entſprechen kann, ſo iſt man doch im Stande, m tellweiſe Genüge zu leiſten und ſo wenigſtens geringere Grade von Freude zu erreichen. Vor allem drei günſtige Umſtände ermöglichen es.

Erſtens nämlich iſt zwar kein Menſch dem andern vollſtändig gleich; immerhin ſind ſie ſich aber ähnlich und wenn ſie auf gleicher geiſtiger Entwickelungsſtufe ſtehen, ſogar in ziemlich hohem Grade ähnlich. Wenn man alſo nur ſolche, die ungefähr auf gleicher geiſtiger Entwickelungsſtufe ſtehen, in