II. Hinderniſſe für die Erweckung der Freude am Anterricht.
Nachdem ſomit die pſychologiſchen Grundlagen der Unterſuchung feſtgeſtellt worden ſind, alſo die Frage, wann überhaupt eine Thätigkeit Freude erweckt, beantwortet iſt, können wir uns nun der zweiten in der Einleitung aufgeworfenen Frage zuwenden, nämlich wann in dem Schüler Freude am Unterricht erweckt wird. Die Antwort lautet einfach: es iſt dies dann der Fall, wenn der Unter⸗ richt den Schüler zu einer Thätigkeit veranlaßt, die dem Prinzip der größten Leiſtung entſpricht. Bevor dies näher ausgeführt wird, müſſen aber noch zwei Fragen erörtert werden, näͤmlich 1) ob eine ſolche Einrichtung des Unterrichts, wie ſie das genannte Prinzip vorſchreibt, unter den gegebenen äußeren Verhältniſſen überhaupt möglich ſei, und 2) wenn ſie möglich iſt, ob man ſie erſtreben ſolle. Wird die erſte Frage etwa verneint, ſo iſt damit ſelbſtverſtändlich auch die zweite und ebenſo alles weitere erledigt; wird jene zwar bejaht, die zweite aber verneint, ſo könnte eine in's einzelne ein⸗ gehende Durchführung der Forderungen unſeres Prinzips nur noch ein rein theoretiſches Intereſſe beanſpruchen und würde daher überflüſſig erſcheinen müſſen.
Da alle Menſchen ungleich ſind in Bezug auf die Menge ſowohl, als auch die Richtung der von ihnen entwickelten Geiſteskräfte, da ferner bei jedem einzelnen die Menge der verfügbaren Kraft ſich fortwährend ändert, ſo müſſen auch die den Schülern geſtellten Aufgaben nicht nur mit den In⸗ dividuen wechſeln, ſondern auch mit den Veränderungen des einzelnen ſelbſt gleichen Schritt halten, ſoll anders der Unterricht vollſtändig dem Prinzip der größten Leiſtung entſprechen und demgemäß Freude bereiten. Nun iſt es zunächſt einmal klar, daß es äußerſt ſchwierig ſein muß, immer auch nur annähernd die Menge von geiſtiger Kraft zu beſtimmen, die der Zögling disponibel hat, und danach das Maß der Anforderungen feſtzuſtellen. Allein man kann ja hier experimentell verfahren und ein gewiſſes Maß von Kraft vorausſetzen; operiert man demgemäß, ſo hat man an den Er⸗ ſcheinungen der Freude, der Langweile, Unruhe, Ermüdung die beſten Anhaltspunkte, um zu beur⸗ teilen, ob man das richtige Verhältnis zwiſchen vorhandener Geiſteskraft und Thätigkeitsanforderung getroffen habe. Fortwährende Uebung würde auch hier einen hohen Grad von Sicherheit zu erreichen geſtatten. Demgemäß iſt es z. B. gewiß richtig, wenn Graf Pfeil*) verlangt, man ſolle bei einem Schüler, der das Maß von Aufmerkſamkeit, das zur Bewältigung des urſprünglich angeſetzten Pen⸗ ſums nötig iſt, nicht aufzubringen vermag, nicht mit Gewalt die Aufmerkſamkeit zu erzwingen ſuchen, ſondern in den Anforderungen ſo weit zurückgehen, ſelbſt bis auf ein Minimum von Zeit, bis das Ver⸗ langte der vorhandenen Kraft entſpreche. Für die, bei denen nicht die Kraft mangelt, die im Ge⸗ gentheil mehr als nötig haben und deshalb ihrer Aufmerkſamkeit eine unerwünſchte Richtung geben, wäre dann das entgegengeſetzte Mittel am Platze, nämlich die Anforderungen ſo lange zu ſteigern, bis alle Kraft beſchäftigt iſt. Allein, wie ſich von ſelbſt verſteht, iſt dies nur möglich, wenn jeder Schüler einzeln unterrichtet wird. Bekanntlich iſt dies ein ſehr ſeltener Fall; bei dem Maſſenunter⸗ richt aber kann nie den Forderungen unſeres Prinzips vollſtändig entſprochen werden. Eine gewiſſe Anzahl von Schülern einer Klaſſe kann dem Unterricht in einem beſtimmten Fach von vornherein nicht folgen, weil ſie entweder trotz nicht vollſtändig genügender Leiſtungen verſetzt worden ſind oder weil dies geſchehen iſt in anbetracht deſſen, daß ſie durch beſſere Leiſtungen in einem anderen Fach die ungenügenden in dieſem aufwiegen konnten. Solche geben es bald auf, ſich anzuſtrengen und verſinken entweder in ein dumpfes Hinbrüten oder verſuchen auch wohl durch Beſchäftigungen in anderer Richtung ihrem Thätigkeitstrieb Genüge zu leiſten. Manche ſchließen ſich aus dem entgegen⸗ geſetzten Grunde dieſen an, denn ſie werden, weil der Unterrichtsgegenſtand für ſie zu leicht iſt, nicht vollſtändig beſchäftigt und langweilen ſich. Die meiſten, für die im großen und ganzen das Penſum angemeſſen iſt, ſchwanken, weil doch nur vorübergehend einmal eine genaue Angemeſſenheit eintritt, hin und her zwiſchen Perioden voll Eifers und ſolchen, wo ſie nur gewohnheitsmäßig die Einwir⸗ kungen des Unterrichts über ſich ergehen laſſen. So ſind es denn ſchließlich indirekte Beweggründe, Regungen des Ehrgeizes, die Hoffnung auf Belohnung und die Furcht vor Strafe, die an Stelle des unmittelbaren Intereſſes die gewünſchte Thätigkeit hervorrufen müſſen, ebenſo wie die wahre Freude am Unterricht erſetzt wird durch Befriedigung des Ehrgeizes und durch das Vergnügen darüber, eine Belohnung erhalten zu haben oder einer Strafe entgangen zu ſein: alles geſundheitsſchädliche Surrogate!
Der Maſſenunterricht wirkt nun nicht nur, indem er ein vollſtändiges Eingehen auf die Indi⸗
1*) Eins! Beiträge zur Erziehung im Hauſe. S. 16.


