Aufsatz 
Ueber die Freude am Unterricht / von H. Jäger
Entstehung
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Fortſchritte gemacht hat, ſo fällt ihm nun die Auffaſſung zu leicht und es ergreift ihn das Gefühl der Langweile.

Faſſen wir alle bisherigen Erörterungen zuſammen, ſo ſtellt ſich als Endergebnis der Satz heraus: Eine Thätigkeit bereitet dann die größte Freude, wenn ſie derart iſt, daß ſie eine ihr geſtellte Aufgabe mit dem geringſten Kraftaufwand löſt, dabei aber alle disponible Kraft zur Löſung dieſer Aufgabe in An⸗ ſpruch nimmt. Wenn nun eine Aufgabe ſo beſchaffen iſt, daß ſie trotz Aufbietung aller dispo⸗ niblen Kräfte doch nur dann gelöſt werden kann, wenn dieſe Kräfte in ſparſamſter ökonomiſcheſter Weiſe verwendet werden, ſo iſt klar, daß die Löſung dieſer Aufgabe die größte Leiſtung dar⸗ ſtellt, deren die betreffende Perſönlichkeit ohne gewaltſame Anſtrengung zur Zeit fähig iſt. Man kann deshalb den eben aufgeſtellten Grundſatz bezeichnen als das Prinzip der größten Leiſtung. Eine Thätigkeit bereitet alſo dann die größte Freude, wenn ſie am vollkommenſten dieſem Prinzip entſpricht.

Daraus ergibt ſich eine wichtige Folgerung. Es iſt leicht zu beobachten, daß zwiſchen der Freude an einer Arbeit und ihrem Erfolg ein gewiſſer Zuſammenhang beſteht. Man pflegt dies nun ſo auszudrücken, daß man behauptet, eine Thätigkeit ſei erſprießlich, weil ſie gern verrichtet werde, die Luſt daran ſei alſo die Urſache des Erfolgs. Nach der im Vorhergehenden gegebenen Darlegung aber iſt die Sache gerade umgekehrt: nicht weil die Arbeit gern gethan wird, iſt ſie er⸗ folgreich, ſondern weil ſie erfolgreich iſt, wird ſie gern gethan.

Wie erklärt ſich dann aber die freudige Erwartung? Das Gemüt iſt bereits mit Freude erfüllt, obgleich die wirkliche Thätigkeit noch gar nicht begonnen hat. Man ſoll z. B. einen in⸗ tereſſanten phyſikaliſchen Verſuch ausführen oder, um noch ein Beiſpiel ganz anderer Art zu nehmen, man beabſichtigt, einem Feſte beizuwohnen. Warum erzeugt dies bereits eine freudige Stimmung? Die Urſache dieſer Freude liegt in beiden Fällen augenſcheinlich darin, daß man ſich auf Grund früherer Erfahrungen ein Bild macht von dem, was eintreten ſoll; und dieſe geſtaltende Thätigkeit der Phantaſie iſt es, die eigentlich die gegenwärtige Freude erzeugt. Deshalb können ſich auch phantaſiearme Leute lange nicht ſo ſehr auf etwas Zukünftiges freuen, als mit ſtarker Einbildungs⸗ kraft Begabte, da letztere ein viel umfangreicheres, bis in's einzelne ausgeführtes und deshalb auch in höherem Grade beſchäftigendes Zukunftsgemälde zu entwerfen wiſſen. Kann man ſich durchaus keine Vorſtellung von dem zu Erwartenden machen, ſo bleibt auch dieſe Vorfreude aus. Gerade ſolche nun, die ſich beſonders lebhaft ſchon vorher freuen, ſind am häufigſten Enttäuſchungen ausgeſetzt; denn ſie haben durch die Phantaſiethätigkeit ihr Auffaſſungsvermögen ſchon ſo weit ausgeſpannt, daß es oft ſchwer durch die Wirklichkeit ausgefüllt werden kann. Allein andererſeits iſt gerade dieſe vor⸗ bereitende Thätigkeit die Urſache, daß dann die wirklich auszuführenden Verrichtungen, eben weil man ſich mit ihnen in Gedanken ſchon vertraut gemacht hat, beſſer vollzogen werden, als wenn die Ausführung unerwarteterweiſe und ſofort verlangt wird. Daraus mag wohl hauptſächlich der Schein entſtehen, als ob die im voraus erzeugte freudige Stimmung eine erfolgreichere Thätigkeit zur Folge habe, während in Wirklichkeit die bereits bewirkte Mobiliſierung der erforderlichen Kräfte die Urſache iſt.

Wie ſteht es ferner mit der gewöhnlich angenommenen Einwirkung der Freude auf den Er⸗ folg ſolcher ſpäterer Thätigkeiten, die ſich zu der erſten von Freude begleiteten nicht wie die Ausführung zur Erwartung verhalten?Freude iſt eine gute Arznei, ſagt man wohl; denn wie oft beobach⸗ tet man, daß, wenn man einem Kranken in irgend einer Beziehung eine Freude bereitet hat, dadurch ſein ganzer Zuſtand ſich hebt und ganz verſchiedene Thätigkeiten nun beſſer von ſtatten gehen! Eine genauere Ueberlegung zeigt auch hier, daß nicht die Freude auf die ſpäteren Thätigkeiten einwirkt, ſondern die von jener Freude begleitete Thätigkeit ſelbſt. Die Folgen einer von Freude begleiteten Erregung ſind ja keineswegs immer vorteilhaft, oftmals auch ſchädlich, ja man kennt Fälle, wo der Tod eintrat. Wie ſollte ſich dies aus der in ihrer Qualität ſtets gleichen Freude ableiten laſſen? Die verſchiedene Wirkung hat eben ihren Grund offenbar darin, daß durch die urſprüngliche(die Freude erweckende) Thätigkeit gewiſſe Kraftmengen, die je nach Umſtänden und im Verhältnis zu der ganzen disponiblen Kraftſumme verſchieden groß ſind, in eine beſtimmte Richtung geleitet werden.

So laſſen ſich die ſcheinbaren Widerſprüche gegen die hier aufgeſtellte Theorie auf ungenaue Ausdrucksweiſe oder ſchiefe Auffaſſung richtig beobachteter Thatſachen zurückführen.

Noch eine andere derartige landläufige Annahme, die ſich auf die Freude am Nichtsthun be⸗ zieht, wird ſpäter in anderem Zuſammenhang ihre Erledigung finden.