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Unterricht und Erfahrung erzeugen in dem Geiſte eines jeden gar mannigfache Gedankenläufe, die bald mehr, bald weniger ausgebildet ſind. Solche Ideengruppen ſtehen anfangs gänzlich unvermittelt nebeneinander; der Geiſt hat genug zu thun, jede einzelne für ſich auszudenken. Allein die Kräfte wachſen, insbeſondere die Fähigkeit, größere Komplexe zu überſchauen, entwickelt ſich mehr und mehr. Alsdann bereitet aber das Denken der einzelnen Gruppen kein rechtes Vergnügen mehr, Gedanken, die früher durch ihre Einfachheit erfreuten, erſcheinen ſchal und unbedeutend, und der Geiſt ſucht eine ihn ganz ausfüllende Thätigkeit. Dieſe findet er nun in dem Herſtellen von Verbindungen zwiſchen den bisher unvermittelt nebeneinander herlaufenden Gedankenmaſſen. So wird einerſeits der Forde⸗ rung kleinſten Kraftaufwandes entſprochen, indem zum Denken dieſer größeren Maſſen im ganzen eine geringere Kraftmenge verbraucht wird, als früher für die einzelnen zuſammengenommen nötig war, andererſeits aber wird dem Streben nach vollſtändiger Beſchäftigung Genüge geleiſtet, indem es ſich um die Löſung der viel bedeutenderen Aufgabe handelt, ſolche Gedankenmaſſen nicht in mehrmaligen kleineren Kraftaufwendungen, ſondern in einer einmaligen größeren zu bewältigen.
Dieſe Thätigkeit iſt eine reiche, faſt unverſiegbare Quelle geiſtiger Freude, denn höchſtens mag es in ſeltenen Fällen ſehr ſyſtematiſch angelegten und dabei einſeitigen Köpfen gelingen, eine durch⸗ gehende Verbindung ihrer ſämtlichen Geiſtesgebilde herzuſtellen und ſo die verbindende Thätigkeit zum Abſchluß zu bringen. Müſſen nun ſolche, bei denen dieſer Abſchluß erreicht iſt, auf weitere rein gei⸗ ſtige Vergnügungen verzichten, ſind ſie, da ſie natürlich mit wachſender Uebung ihren Gedankenfaden immer raſcher und müheloſer abſpinnen, zu tötender Langeweile vexurteilt?— Nicht mit unbedingter Notwendigkeit. Es darf nur die Fähigkeit, die immer von neutm einen endgültigen Abſchluß der Wiſſenſchaften und überhaupt alles Denkens verhindert, nicht erſtarrt ſein. Dieſe Fähigkeit iſt das Unterſcheidungsvermögen. Die fortſchreitende Entwicklung des individuellen Denkens ſowohl, als auch der Wiſſenſchaften wird mindeſtens ebenſoſehr durch die wachſende Ausbildung dieſes Vermögens, als durch die ſteigende Fähigkeit, größere Gedankenkomplexe einheitlich zuſammenzufaſſen, charakteriſiert. Und zwar lernen nicht nur die Sinne immer beſſer und genauer unterſcheiden und führen dadurch zu immer neuen Entdeckungen, ſondern auch die Thätigkeit des Verſtandes differenziert ſich mehr und mehr. Dadurch ergibt ſich aber fortwährend die Erweiterung alter und die Bildung ganz neuer Aufgaben. So ſorgen Konzentration auf der einen und Differenzierung auf der anderen Seite ſtets auf's neue für Gelegenheiten zu geiſtigem Vergnügen.
Ohne Schwierigkeit läßt ſich die zweite Bedingung für die Erzeugung von Freude(die volle Beſchäftigung der disponiblen Kraft) auch auf dem äſthetiſchen Gebiet nachweiſen. Wie oben gezeigt wurde, iſt die ſymmetriſche Anordnung im allgemeinen wohlgefällig, allein häufig ſieht man ſie ab⸗ ſichtlich nicht innegehalten, offenbar weil dadurch eine beſſere Wirkung erzielt wird. Die menſchliche Geſtalt iſt ſymmetriſch gebaut und im großen und ganzen wird dieſe Symmetrie auch in der Kleidung gewahrt. Doch aber finden es die Damen ſchöner, nur auf einer Seite eine Blume im Haar zu tragen, und ein Herr, der das freie Knopfloch jeder Rockhälfte ſchmücken wollte, würde einen erhei⸗ ternden Anblick darbieten. Ebenſo lieben es beide Geſchlechter zuzeiten die Kopfbedeckung ſchief zu ſetzen. Das Langweilige und Unintereſſante, das einer allzu ſtrengen Symmetrie anklebt, wird da⸗ durch glücklich vermieden. Solche kleine Unregelmäßigkeiten„feſſeln“.
Oder nehmen wir ein anderes Beiſpiel. Jedes Kunſtwerk bietet dem Beſchauer eine Mannig⸗ faltigkeit in einheitlicher Verknüpfung dar. Iſt nun aber die Mannigfaltigkeit nicht groß genug, um die ganze Auffaſſungskraft zu beſchäftigen, ſo findet man den Gegenſtand dürftig, nüchtern und was dergleichen Ausdrücke mehr ſind. So iſt ein Gebäude, deſſen Stockwerke und darin wieder die Fen⸗ ſter ſämtlich ganz gleich ſind, gewiß leicht aufzufaſſen, während ein anderes, bei dem unter Berück⸗ ſichtigung der Hauptſymmetrieverhältniſſe und der Einheit des Stils jeder Teil wieder anders gebil⸗ det iſt, der Auffaſſung viel größere Schwierigkeiten bereitet, und doch werden die meiſten das zweite Gebäude ſchöner finden. So auch kann ein und daſſelbe Kunſtwerk, etwa ein Muſikſtück, nach und nach die allerverſchiedenſten Eindrücke auf denſelben Hörer machen. Anfangs, wo er noch kaum mu⸗ ſikaliſche Bildung beſitzt, kann ihm die große Mannigfaltigkeit, die kunſtvolle Verſchlingung der zahl⸗ reichen Fäden des Tongewebes das Verſtändnis, alſo die Zuſammenfaſſung zu einer Einheit, ganz un⸗ möglich machen, und er empfängt den Eindruck des Häßlichen. Später, nachdem er ſich unterdeſſen vielfach in äſthetiſcher Auffaſſung von Tonſchöpfungen geübt hat, hört er jenes erſte Stück wieder. Nun in den Stand geſetzt, mit vollem Verſtändnis in das Werk einzudringen, allerdings unter Auf⸗ bietung ſeiner ganzen disponiblen Auffaſſungskraft, ſchwelgt er mit höchſtem Entzücken in dem Genuß dieſer ihn früher abſtoßenden Kompoſition. Tritt ihm dieſe endlich wieder nach Verlauf einer ge⸗ wiſſen Zeit entgegen, während welcher er in Ausbildung ſeines Muſtkverſtändniſſes noch weitere


