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eine Turnübung zum erſten Male ausgeführt, ſo geſchieht dies in der Regel nicht, ohne daß man⸗ cherlei zur Erreichung des vorgeſetzten Zwecks nicht erforderliche Mitbewegungen erfolgen. In dieſem Zuſtande erregt ſie daher auch noch keine vollſtändige Befriedigung; es müßte denn gerade der be⸗ treffende Turner ſo wenig Erfahrung und Ueberſicht haben, daß er annähme, die Uebung laſſe ſich überhaupt nicht in einfacherer Weiſe ausführen. Iſt er aber von dem Gegenteil überzeugt, hat er etwa dieſelbe Uebung ſchon mit Aufbietung geringerer Kräfte ausführen ſehen, ſo wird er erſt dann eine ganz ungetrübte Freude an der Thätigkeit haben, wenn er das vorgeſteckte Ziel erreicht mit Weglaſſung aller der Bewegungen und Muskelanſpannungen, die ihm als nicht unbedingt erforderlich erſcheinen. Ich wähle abſichtlich die ſubjektive Faſſung„die ihm erforderlich erſcheinen“ und gebrauche nicht den Ausdruck„die erforderlich ſind“; denn häufig genug iſt gar nicht feſtzuſtellen, was das Minimum von Kraft iſt, das zur Ausführung genügt, und ſelbſt wenn es feſtzuſtellen iſt, beruhigt man ſich doch ſehr häufig bei dem, was man für das geringſte Maß von Kraftanſtrengung hält. Deshalb kommt es denn auch nicht ſelten vor, daß die urſprüngliche Befriedigung geſtört wird durch die ſpätere Erfahrung, daß es Leute gibt, die die betreffende Uebung in noch einfacherer Weiſe fertig bringen. Es iſt alſo unſer Satz, daß die mit der geringſten Kraftanſtrengung verbundene Thätigkeit am erfreulichſten ſei, durchaus relativ und ſubjektiv zu nehmen.
Dieſelben Erfahrungen, wie beim Turnen, macht man beim Klavierſpielen. Anfangs wird beim Anſchlagen der Töne wohl der ganze Körper in Mitleidenſchaft gezogen, ſpäter fahren wenigſtens noch die Arme in allerlei überflüſſigen Bewegungen hin und her, bis denn zuletzt die Thätigkeit ſich mehr und mehr auf die Finger beſchränkt, deren Bewegungen auch wiederum immer knapper und präziſer ſich geſtalten und darum auch mit immer größerer Luſt ausgeführt werden. Es gibt zwar ausge⸗ zeichnete Klavierſpieler, die dadurch auffallen, daß beim Spiele alles an ihnen arbeitet, die bei manchen Stellen ſich förmlich in die Taſten verkriechen, bei anderen wieder krampfhaft emporſchnellen; allein dieſe Bewegungen haben offenbar einen ganz anderen Grund, als jene des ungeſchickten Anfängers; ſie ſind gleichſam ein erweitertes Mienenſpiel, Bewegungen, die den Gefühlen zum Ausdruck dienen, von denen der Künſtler ſo mächtig erfaßt wird.
Es wird niemand bei einiger Achtſamkeit ſchwer fallen, aus dem Bereiche der körperlichen Thä⸗ tigkeiten die Zahl der Beiſpiele, die unſeren Satz beſtätigen, aus eigener Erfahrung zu vermehren.
Gehen wir nun zu geiſtigen Thätigkeiten über, ſo iſt im voraus klar, daß von zwei Dar⸗ ſtellungen derſelben Sache die leichter verſtändliche mehr Freude erweckt: ſie ermöglicht die Erreichung deſſelben Ziels, nämlich die Auffaſſung des betreffenden Gegenſtandes, mit geringerem Kraftaufwande. In wiſſenſchaftlichen Darlegungen z. B. finden ſich häufig ſehr kompliziert gebaute Sätze, ferner ſeltene Ausdrücke oder ſolche, die zwar ſehr gebräuchlich ſind, mit denen aber ein ungewöhnlicher Sinn ver⸗ bunden werden ſoll. Es kommt weiter vor, daß, wo beim Beginn eines neuen Abſchnittes eine kurze Zuſammenfaſſung des bisher Ausgeführten zur Hervorhebung des Hauptgedankenganges am Platze wäre, eine ſolche Erinnerung an das Frühere nicht eingefügt iſt, ſo daß man genötigt wird, ſchon Geleſenes noch einmal durchzuſehen und ſich die Hauptpunkte herauszuſuchen. Oder der entgegenge⸗ ſetzte Fehler wird gemacht und ſchon zur Genüge Erörtertes immer noch einmal aufgetiſcht; weil es daſteht, ſo muß man es leſen und wird alſo zur Kraftvergeudung genötigt. Alle derartigen Dar⸗ ſtellungen befriedigen nicht, wenn ſie nach der Meinung des Leſers ebenſo gut auch in leichter ge⸗ bauten Sätzen und mit allgemein gebräuchlichen Ausdrücken, mit größerer Ueberſichtlichkeit und in geringerer Breite gegeben werden können.
Aufs deutlichſte zeigt ſich die Gültigkeit unſeres Satzes in der Entwicklung der Wiſſenſchaften. Eine Hypotheſe genügt erſt dann, wenn ſie die fraglichen Erſcheinungen auf ſo einfache Weiſe erklärt, daß den Gelehrten keine einfachere denkbar iſt. Welche Freude erfüllt aber den denkenden Geiſt, wenn er nun ſchließlich doch eine einfachere Annahme findet oder eine ſolche, durch die mehrere Er⸗ ſcheinungsgebiete einheitlich erklärt werden, Gebiete, die bis dahin für verſchieden gehalten wurden und die deshalb auch zu ihrem Verſtändnis geſonderte Kraftanſtrengungen erforderten!
Da der Menſch bei dem Unbefriedigenden nie ſtehen bleibt, ſo erklärt ſich daraus das in der Geſchichte aller Wiſſenſchaften hervortretende Streben nach Vereinfachung der Grundſätze und Ver⸗ minderung ihrer Zahl*)..
Auch über die Beziehungen unſeres Satzes zu der Aeſthetik mögen einige Bemerkungen ver⸗ ſtattet ſein, teils um die Allgemeingültigkeit des Prinzips zu zeigen, teils weil beim Vortrag des Unterrichts⸗Stoffes auch äſthetiſche Verhältniſſe in Betracht kommen. Wenn die Thüätigkeit, die bei
*) Man vergleiche hierzu Avenarius, Philoſophie als Denken der Welt, S. 4 f.


