Aufsatz 
Ueber die Freude am Unterricht / von H. Jäger
Entstehung
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II. Wiſſenſchaftliche Beigabe.

Ueber die Frende am Unterricht. Von Rreallehrer H. Jäger.

Einleitung.

In den zahlreichen Schriften und Reden über die Ueberbürdungsfrage, die unſere Zeit hervor⸗ gerufen hat, begegnet man häufig der Bemerkung, dieſes oder jenes Unterrichtsverfahren ſei ſchlecht, weil es den Schülern die Luſt am Lernen raube, auf dieſen oder jenen Punkt dagegen müſſe großes Gewicht gelegt werden, weil bei den Schülern dadurch Freude am Unterricht erweckt würde, ohne daß doch jemals mehr, als höchſtens einige flüchtige Andeutungen darüber gemacht werden, inwieweit es überhaupt möglich ſei, Lernluſt künſtlich zu erzeugen, und worauf eigentlich das Vergnügen am Lernen beruhe, und ebenſo ohne daß verſucht würde, im Zuſammenhang anzugeben, welche beſonderen Veranſtaltungen etwa geeignet wären, Freude am Unterricht hervorzurufen. Es wird deshalb nicht als ein überflüſſiges Bemühen erſcheinen, wenn im Folgenden der Verſuch gemacht wird, die eben aufgeworfenen Fragen zu beantworten..

Die Pädagogik iſt angewandte Pſychologie. Soll daher ein pädagogiſches Thema wiſſenſchaft⸗ lich behandelt werden, ſo iſt es erforderlich, zunächſt die allgemeine pſychologiſche Grundlage feſtzu⸗ ſtellen und alsdann daraus die pädagogiſchen Sätze abzuleiten. Im vorliegenden Falle, wo es ſich darum handelt, die Bedingungen für die Erweckung der Freude am Unterricht aufzufinden, ſind alſo zunächſt die Bedingungen für die Erweckung der Freude überhaupt anzugeben. Bevor die Frage: Wann erzeugt der Unterricht in der Seele des Schülers angenehme Gefühle? beantwortet werden kann, muß er die andere:Wann wird überhaupt Freude erzeugt? erledigt werden. Dies iſt daher die erſte Aufgabe, die uns beſchäftigt.

I. Die pfychologiſche Grundlage. Unter mehreren möglichen Thätigkeiten, die auf daſſelbe Ziel hinſtreben, iſt die am erfreulich⸗

ſten, die, alles Uebrige gleich geſetzt, das gewünſchte Ziel mit der geringſten Kraftanſtrengung zu er⸗ reichen geſtattet*). Es gilt dies ebenſowohl für körperliche, wie für geiſtige Thätigkeiten. Wird z. B.

*) Dieſer Satz iſt(in anderer Faſſung) zuerſt von R. Avenarius unter der BezeichnungPrinzip des kleinſten Kraftmaßes in der SchriftPhiloſophie als Denken der Welt gemäß dem Prinzip des kleinſten Kraftmaßes aufgeſtellt worden. So viele Erſcheinungen nun auch aus dieſem Prinzip ſich begreifen laſſen und ſo weit ſeine Anwendbarkeit auch reicht, ſo glaube ich doch in meiner AbhandlungDas Prinzip des kleinſten Kraftmaßes in der Aeſthetik(Vierteljahrsſchrift für wiſſenſchaftliche Philoſophie(Jahrg. V, Heft 4) zunächſt für den Bereich der Aeſthetik nachgewieſen zu haben, daß es zur vollſtändigen Erklärung der Erſcheinungen nicht ausreicht, ſondern daß es nur die eine Seite derſelben unter ſich befaßt und deshalb zu ſeiner Ergänzung eines die andere Seite der Erſcheinungen begreifenden Prinzips bedarf. Dieſe beiden, das Prinzip des kleinſten Kraftmaßes und ſeine Erweiterung laſſen ſich dann wieder als ein Prinzip ausdrücken, das man wohl am zweckmäßigſten alsPrinzip der größten Leiſtung wird bezeichnen dürfen. Dieſelben Einwendungen, die ſich gegen das Prinzip von Avenarius in der Anwendung auf die Aeſthetik machen laſſen, treffen aber auch die übrigen Anwendungen; deshalb muß es auch darin zu dem Prinzip der größten Leiſtung erweitert werden.