— 18—
in Erwin den Wimpfener Baumeister zu suchen haben. Wer er aber auch gewesen sei, er war wirklich ein Baumeister, ein Meister im Bauen.
Wir können im Rahmen dieses Vortrags nicht eingehen auf die Fülle von künstle- rischen Einzelheiten, die diese Perle der Gotik von aussen wie von innen dem aufmerk- sammen Beschauer bietet. Nur des Kreuzganges sei noch gedacht, der durch seine kunstvollen dekorativen Gebilde in Stein, durch seine naturalistische Wiedergabe von Pflanzen und Tierformen und nicht zuletzt durch seine stimmungsvolle landschaftliche Umgebung uns in eine Welt poesieumwobener Romantik versetzt. Wenn ein Stiftsherr das Zeitliche gesegnet hatte, wurde er in diesem schönen Kreuzgang nach alter Sitte in der Nacht beim Flackern des Kerzenlichtes zur ewigen Ruhe gebettet. Die zwölf Apostel- fischer, die mit langen schwarzen Mänteln bekleidet waren, richteten das steinerne Grab her und trugen die Leiche zur letzten Ruhestätte. Dem Kreuzgang, diesem Juwel unter Altwimpfens Baudenkmälern, drohte im Jahre 1848 der Abbruch,„da er ja doch ohne Nutzen für die hessische Domänenverwaltung sei!“(Akten der Oberbaudirektion Darm- stadt.) Das war die hessische Denkmalpflege vom Jahre 1848! In letzter Stunde besann sich die Regierung und verfügte seine Erhaltung,„weil er die Kirche gegen Fluten und Eis des Neckars schütze.“
Eine Genossenschaft, die in der Lage war, einen solchen Bau wie die Stiftskirche zu errichten, mußte über ein stattliches Vermögen verfügen. Im Zeitalter der Hohenstaufen, im 13. Jahrhundert, ferner aber auch im 14. Jahrhundert vergrößerte das Stift seinen Grundbesitz und seine verschiedenartigen Gerechtsame in ausgedehntem Masse. Auch hier wissen wir nicht allzuviel, weil viele wertvolle Archivalien verloren gegangen sind. Was wir wissen, ersehen wir aus dem wertvollen Kopialbuche und dem Nekrolog, dem Totenbuch des Ritterstifts auf dem Darmstädter Haus- und Staatsarchiv und aus Rech- nungen und Quittungen des Stifts, die daselbst aufbewahrt werden, ferner aus den ver- hältnismäßig wenigen Akten, die das Wimpfener Stadtarchiv über die Beziehungen der Stadt zu dem Ritterstift aufweist. Danach erwirbt das Ritterstift 1280 Güter in Crailsneim und Künzelsau, 1317 Aecker in Kochendorf, wo es schon 1284 das Patronatsrecht er- worben hatte. Dieser Kirchenpatronat des Stifts erhielt sich über die Reformationszeit hinaus. Als Kochendorf sich der neuen Lehre zuwandte, übte das Stift nach wie vor das Patronatsrecht über die dortige evangelische Kirche aus, und als die Rechte des Stifts 1803 an Hessen übergingen, wurde der Großherzog von Hessen Patronatsherr für Kochendorf. So kommt es, daß dem Großherzog von Hessen heute noch das Präsen- tationsrecht auf die evangelische Pfarrkirche zu Kochendorf zusteht, wie dieser Fürst ja auch heute noch Patronatsherr der benachbarten katholischen Pfarreien Duttenberg und Offenau ist. Zahlreiche Zehntrechte besaß das Stift in der Umgebung, so in Neckar- bischofsheim, Großgartach, Offenau, Neckarmühlbach.
Das Neckarfahr ist schon ein sehr frühes Nutzungsrecht des Stifts. Die Fische- rei im Neckar stand ebenfalls dem Stift zu, welches diese Nutzung als Lehen an die Fischerzunft vergabte, die aus 12 Mitgliedern bestand. Dieses interessante lehns- rechtliche Institut hat sich sogar in unsere moderne Zeit herübergerettet. Nur ihren Lehensherrn hat die Fischerzunft gewechselt; an die Stelle des Ritterstifts ist der hessische Staat getreten. Die sog.„Apostelfischer“ haben heute die Pflicht, im Falle einer Ueberschwem- mung mit 6 Nachen, die jederzeit in gutem Zustand sein müssen, den bedrängten Tal- bewohnern Hilfe zu leisten. Die Fischerzunft im Tal bewahrt noch den Lehensbrief auf, der den Wortlaut des Eides enthält, den die Fischer dem Ritterstift schwören mußten: „lch gelobe und schwöre, daß ich Herrn Dechant und Kapitel insgemein und jedem insonderheit als des Wassers wahren Grund- und Eigentumsherrn getreu und hold sein soll und will, ihren Schaden warnen, wie einem redlichen Biedermann gegen seinen Herrn gebührt, auch mit allen Fischen, so ich in der Herrn Wasser fange, auf angestelltem freien Fischmarkt die Markttäge Markt halten, dieselben anderswohin durch mich, mein


