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boldus(979— 998), ein Bischof Crudolf findet sich nämlich in der Wormser Bischofsliste nicht. Es liegt hier eine Namensverwechselung des Chronisten vor. Nach dieser Er- neuerung gedieh das Stift rasch. Der Chronist fährt fort:„Fortan wurde diese Stätte wieder in hohen Ehren gehalten und von Jahr zu Jahr immer mehr aufgesucht, sodaß sie, die kurz vorher fast einer Wüste glich, nun zur Wohnung Vieler wurde. Alle Ritter und Edle der Umgegend, die entweder von Alter gebrochen oder Gottes wegen dem Kriegs- handwerk nicht mehr obliegen mochten, hingen ihre Waffen und Schilde an den Säulen der Kirche auf, wählten im Münster ihr Begräbnis, wo ihre steinernen Ruhestätten durch darüber gedeckte Steinplatten kenntlich gemacht wurden.“
Als im 10. Jahrhundert nach der Zerstörung durch die Ungarn das Kloster wieder aufgerichtet wurde, entstand um das Jahr 1000 der älteste Teil der heutigen Stiftskirche, ein frühromanischer Bau, von dem noch heute die beiden Westtürme mit ihren romanischen Säulen und Bogen uns die Romantik längstverklungener Tage vor die Seele zaubern. Den Grundriß dieser ältesten Kircheanlage kann man auf dem Fußboden des gotischen Langhauses der heutigen Stiftskirche eingezeichnet finden.
Diesen romanischen Kirchenbau des Wormser Bischofs ließ nun im 13. Jahrhundert, in der Zeit der Hohenstaufen, der Dekan Richard von Dietensheim(um 1269) abtragen, weil er baufällig geworden war. Nur den westlichen Teil mit den beiden romanischen Türmen ließ er stehen; im übrigen errichtete er einen stattlichen Neubau im Geschmack der damaligen Zeit, also im gotischen Stil. Der Neubau wurde errichtet durch einen Baumeister, qui tunc noviter de villa Parisiensi e partibus venerat Franciae. Ueber den Baustil sagt die Quelle: opere Francigeno basilicam ex sectis lapidibus construi iubet usw.; zu Deutsch:„Das von unserem vorgenannten ehrwürdigen Vater Krudolf erbaute Münster, welches vor übergroßem Alter baufällig war, sodaß dessen Einsturz schon in nächster Zukunft zu erwarten stand, brach der von dem überrheinischen Orte Dietensheim gebürtige Richard ab, und nachdem er einen in der Baukunst wohlerfahrenen Steinmetzen berufen hatte, der neuerlich von der Stadt Paris aus der Gegend von Franzien gekommen war, befahl er, eine Basilika in nach französischer Werkart(opere Francigeno) geschnit- tenen Steinen zu errichten; ebendieser Künstler aber hat den wundersamen Bau der Basi- lika, die innen und außen mit Heiligenbildern überaus zierlich geschmückt ist, sowie Fenster und auch gemeißeltes Säulenwerk mit vielem Schweiße und beträchtlichem Kostenaufwand in der Weise geschaffen, wie der Bau dem Gesichte der Menschen bis zur Gegenwart erscheint. Daher wird das ausgezeichnete Werk von der allseitig herbeikommenden Volks- menge bewundert; man lobt den Künstler, verehrt den Diener Gottes Richard, freut sich, ihn gesehen zu haben und trägt weithin seinen Namen.“
Spricht uns da der ehrwürdige Chronist aus Schwäbisch-Halt nicht aus der Seele? Wenn Worte überhaupt den stimmungsvollen Gehalt und den poetischen Duft, der über jedem großen Kunstwerk liegt, wiedergeben können, dann sind es diese von schlichter Natürlichkeit, scharfer Beobachtungsgabe und warmem künstlerischem Empfinden zeugen- den Sätze unseres Geschichtschreibers.
Man hat sich lange herumgestritten über die oben angeführte Stelle, wonach der Architekt eben gerade aus Frankreich gekommen sei. Da man gerne den Erbauer mit Namen gekannt hätte, so suchte man nach einem solchen Namen. Es mußte natürlich ein möglichst klangvoller sein. So verfiel man auf Meister Erwin von Steinbach, den Erbauer des himmelanstürmenden Straßburger Münsters, der auch eine französische Studienreise gemacht hat, und der damals sein grossartiges Werk zu Straßburg schuf. Studienreisen nach Frankreich, der Heimat des gotischen Stils, machten aber damals viele deutsche Architekten, und auch bauliche und stilische oder dekorative Uebereinstimmungen dér Wimpfener Stiftskirche mit dem Straßburger Münster beweisen doch nur, daß beide Bauwerke sich dem herrschenden Baustil, der Gotik, fügen. Wir werden also wohl kaum


